Cover "Transfer"
Booktalk Buchbesprechung Klassiker

Transfer

Eule und Klassiker: Über „Transfer“ von Stanisłav Lem

Details:
Titel: Transfer
Originaltitel: Powrót z gwiazd
Autorin: Stanisłav Lem
Erscheinungsjahr: 1961

Verlag: dtv
Kauflink: In dieser Version nicht mehr zu erwerben

Nachdem ich vor kurzem die Biographie über den polnischen Autor Stanisłav Lem gelesen habe, wollte ich unbedingt auch eines seiner Werke lesen. Tatsächlich hatte ich auch direkt vier zur Auswahl, von denen „Transfer“ für mich am interessantesten klang. Im Folgenden gebe ich einen Überblick über die Handlung, Informationen zur Entstehungsgeschichte und erzähle, wie es für mich als moderne Leserin war, dieses Buch zu lesen.

Die Handlung:

Die letzten zehn Jahre hat Hal Bregg auf einer Raummission verbracht. Bei seiner Rückkehr sind durch die Zeitdilatation auf der Erde 127 Jahre vergangen. Die Gesellschaft hat sich radikal verändert. Alle Menschen werden bei ihrer Geburt betrisiert, wodurch jegliches Aggressionspotential abhandenkommt. Gewalt, Aggressionen, Kriege, Verteilungsungerechtigkeiten und andere Probleme kommen nicht mehr vor. Stattdessen lebt die Bevölkerung ein sorgenfreies Leben im Luxus. Um jegliche Arbeiten kümmern sich Roboter, die in einer Art Parallelgesellschaft zu den Menschen existieren.

Hal erlebt, dass sich niemand für die Erfolge der Raumfahrt interessiert und damit auch nicht für ihn. Er hat Probleme damit, in der Gesellschaft klarzukommen und ihre komplexen Regeln zu begreifen. Er trifft zunächst auf zwei Frauen, durch die er mehr über die Gesellschaft erfährt, kauft sich einen Wagen und mietet eine Villa. Schließlich trifft er auf Eri, in die er sich verliebt.

Durch eine Konfrontation mit einem seiner früheren Kollegen wird der Beginn seiner Beziehung zu Eri verkompliziert, doch schließlich finden sie zueinander. Hal erfährt, dass seine Mannschaft eine neue Mission plant, um die Erde wieder verlassen zu können. Er selbst beschließt jedoch, auf der Erde zu bleiben.

Klappentext "Transfer"
Entstehungsgeschichte:

„Transfer“ gehörte zu jenen Romanen, die Stanisłav Lem weltberühmt machen sollten. Während er an seinem bekanntesten Roman, „Solaris“ schrieb, arbeitete er parallel an diesem Werk und an „Memoiren, gefunden in einer Badewanne“. Geschrieben wurden sie alle im Urlaub in Zakopane, dem Ort, an den er sich oft zum Arbeiten zurückzog. Das Motiv des Reisens findet sich prominent in „Transfer“ wieder. Das Buch zeigt, dass Reisen keinen Reiz hat, wenn es keine Heimat gibt, zu der man zurückkehren kann.

Lem greift im Buch verschiedene Thematiken der Odysee auf. Die Reise beider Helden dauert zehn Jahre, in beiden Geschichten spielen drei Frauen eine wichtige Rolle, beide Male zeigt der Held seine Narben und auch im polnischen Originaltitel finden sich Anspielungen. Doch auch in der eigenen Biographie finden sich Bezüge zum Werk. In den Wenden des Krieges musste Lem mit seiner Familie die Heimat verlassen und begann eine persönliche Odysee, an deren Ende sie eine neue Heimat finden und sich dort neu zurechtfinden mussten.

Wirkung:

„Transfer“ wurde seinerzeit sehr positiv aufgenommen und machte Lem, gemeinsam mit einigen anderen Werken, weltberühmt. Das Buch sollte ursprünglich verfilmt werden, jedoch zerschlug sich das Projekt, als der angeworbene Regisseur das Land verlassen musste.

Lem selbst sagte Jahre später über dieses Werk, dass es nicht besonders gelungen sei. Zum einen habe er die gesellschaftlichen Veränderungen zu simpel behandelt, zum anderen sei das Werk zu sentimental. Die Helden seien bloße Muskelprotze und die Heldin aus Pappe.

Und wie hat es mir gefallen?

„Transfer“ hat definitiv keinen leichten Einstieg. Das erste Kapitel fühlt sich an, wie ein verwirrender Fiebertraum. Auch wenn hier gut die Hilflosigkeit des Protagonisten herüberkommt, war es für mich doch schwer, den Einstieg in das Buch zu finden. Danach ist es größtenteils leicht verständlich geschrieben, mit Ausnahme der Konversationen. Diese sind oft sehr verwirrend und enorm sprunghaft. Ich habe so oft den Faden verloren und wusste nicht mehr, worüber die Charaktere denn nun gerade sprechen.

Etwas schade fand ich, dass der Autor zum einen eine Gesellschaft erdacht hat, in der angeblich alle Menschen, unabhängig der Hautfarbe, geachtet würden, und trotzdem Schwarze Menschen beinahe tierhaft beschrieben hat. Ebenso war der Sexismus extrem. Lem selbst hat nicht übertrieben, als er die Heldin als „Pappe“ bezeichnete. Frauen werden immer wieder als minderwertige Begleitung angesehen (Hal wird geraten, Frauen zu suchen, da er, aufgrund seiner Unkenntnisse der sozialen Gebräuche, wohl sowieso keinen männlichen Freund finden würde). An einer Stelle erfährt einer der früheren Astronauten, dass sie durch Suggestion manipuliert werden sollten und wird wütend, als er erfährt was ihm eingetrichtert werden sollte: Wenn Frauen kein Interesse an ihm haben und deshalb nicht nett zu ihm sind, dann ist das nicht ihre Schuld. Derartige Szenen gibt es leider ziemlich viele im Buch und auch wenn ich verstehe, dass in den 1960er Jahren nun mal ein anderes Frauenbild herrschte, frage ich mich einfach, ob dieser Roman heute genügend andere positive Aspekte hat, damit es sich trotzdem heute noch lohnt, ihn zu lesen. Ich persönlich denke nicht, dass dem so ist. Auch wenn er einige interessante Themen aufgreift, gibt es einfach andere Bücher, die dies noch besser machen. Angeblich auch einige vom gleichen Autor.

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