Eule und Klassiker: Über „Träumen Roboter von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick
Details:
Titel: Träumen Roboter von elektrischen Schafen? / Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
Originaltitel: Do Androids Dream of Electric Sheep?
Autor: Philip K. Dick
Erscheinungsjahr: 1968
Kauflink: Amazon
Handlung:
Achtung: Dieser Abschnitt enthält Spoiler für das gesamte Buch.
Das Buch spielt im Jahr 1992 in San Francisco. Nach einem Atomkrieg ist die Erde kaum noch bewohnbar. Die hohe Strahlung hat die meisten Tiere aussterben lassen – der Besitz eines lebenden Tieres ist ein hohes Statussymbol. Viele auf der Erde verbliebende Menschen sind sogenannte „Spezialfälle“, welche durch die Strahlung geistig degeneriert sind und die daher kein Recht mehr haben, die Erde zu verlassen.
Der größte Teil der Menschheit ist auf den Mars ausgewandert, wo jede Person einen Androiden als Diener erhält. Diese Androiden werden von der Erde jedoch als Bedrohung angesehen und Kopfgeldjäger sollen diese töten.
Das Buch beginnt mit einer Konversation, die der Kopfgeldjäger Rick Deckard und seine Frau Iran miteinander haben. Es geht dabei um die Stimmungsorgel, in welcher jegliche Stimmung für den Tag einprogrammiert werden kann, ebenso wie darum, dass die beiden bloß ein elektrisches Schaf besitzen, um den Schein zu wahren.
Im Folgenden wird der zweite Protagonist eingeführt, John Isidore. Er ist ein Spezialfall und lebt alleine in einem riesigen Gebäude. Isidore folgt dem Mercerismus, einer Religion, bei der man regelmäßig die Griffe eines Kastens berührt, damit das eigene Bewusstsein mit dem von Mercer verschmilzt. Mercer gilt als Heilsfigur, die immer wieder einen Berg hinaufgeht, während er mit Steinen beworfen wird. Wird man selbst von einem Stein getroffen, so bleiben die Schmerzen auch außerhalb der Erfahrung bestehen. Isidore trifft plötzlich eine neue Nachbarin, Pris Stratton. Diese scheint sich nicht mit irdischen Gepflogenheiten auszukennen.
Deckard erhält einen großen Kopfgeldauftrag, nachdem sein Kollege angeschossen wurde. Er soll Polokov und fünf weitere Androiden töten, wobei Polokov ein neues Modell ist und damit eine nicht einschätzbare Gefahr darstellt. Um mehr darüber herauszufinden, besucht Deckard die Firma Rosen, welche die Androiden entwickelt hat. Dort trifft er Rachael Rosen und führt einen Voigt-Kampff Test an ihr durch, die einzige Methode, mit der ein Androide überführt werden kann, da dieser Test die Empathiefähigkeit als Grundlage nutzt. Androiden sind nicht in der Lage, Empathie zu fühlen und dadurch leicht überführbar. Deckard findet heraus, dass Rachel kein Mensch ist, was ihr jedoch nicht bewusst war.
Deckard jagt und tötet erst Polokov und überführt dann seine Komplizin Luba Luft, die als Opernsängerin arbeitet. Luba behauptet jedoch, menschlich zu sein und ruft die Polizei. Ein Polizist behauptet, nicht von Deckard als Kopfgeldjäger zu wissen und bringt ihn in eine Polizeistation, die dieser noch nie zuvor gesehen hat. Dort wird ihm gesagt, dass einer der dort arbeitenden Polizisten, Phil Resch, ein Androide ist. Als Resch zurückkehrt, erschießt er den Informanten und sagt, dass dieser ein Androide war und die gesamte Station heimlich von Androiden geführt wird. Er und Deckart verlassen die Polizeistation und töten Luba Luft. Danach testen sich beide gegenseitig und finden heraus, dass sie beide Menschen sind – Resch ist nur ein besonders kaltblütiger. Deckard kommt der Gedanke, dass auch auf Mitgefühl gegenüber Androiden getestet werden sollte.
Deckard erhält für die Erfüllung des Auftrags viel Geld, welches er in eine echte Ziege investiert. Er trifft sich später mit Rachael und schläft mit dieser. Sie bittet ihn, die restlichen Androiden nicht zu töten. Als er einwilligt, erzählt sie ihm, dass sie schon länger weiß, dass sie eine Androidin ist und mit vielen Kopfgeldjägern geschlafen hat, damit diese aufhören, Androiden zu jagen. Deckard will sie töten, schafft es aber nicht.
Isidore hat in der Zwischenzeit Pris und ihre Freunde Roy und Irmgard bei sich aufgenommen. Die drei sind die gesuchten Androiden und sie nutzen Isidore aus. Als dieser eine lebende Spinne findet, schneiden sie dieser die Beine ab, um zu sehen, wie viele sie braucht, um nicht umzukippen. Im TV wird später Mercerismus als Lüge enttarnt.
Deckard findet die drei Androiden und erschießt diese. Als er zurückkehrt, findet er heraus, dass Rachel seine Ziege vom Dach gestoßen hat. Er geht daraufhin in die Wüste und hat eine Vision von Mercer. Er findet eine Kröte und nimmt diese mit zu seiner Frau, die sofort erkennt, dass diese nur elektronisch ist. Sie kauft trotzdem falsche Fliegen und beginnt, sich um das nachgemachte Tier zu kümmern.
Themen:
Das zentrale Thema des Buches ist Empathie. Es geht darum, was Empathie ist, ob sie überhaupt real ist und welchen Wert eine Gesellschaft ihr beimisst. Besonders interessant ist dabei zu sehen, dass Androiden keine Empathie fühlen können (was das Buch mehrfach betont und auch zeigt), dabei jedoch die Menschen selten wirklich gegensätzlich dazu handeln. Empathie und generell Emotionen sind im Buch eher künstlich generiert, sei es durch den Mercerismus oder die Stimmungsorgel. Und einige Menschen, wie etwa Resch, sind generell nicht in der Lage dazu, Empathie zu fühlen.
Der Test, mit welchem Empathie gemessen wird, stellt insbesondere Fragen, welche bei den meisten Menschen unserer Zeit ebenfalls keinerlei oder nur geringe empathische Reaktion hervorrufen würde (z.B. zu Gefühlen, wenn man einen ausgestopften Hirschkopf an der Wand sieht, oder wenn eine nackte Frau auf einem Bärenfell liegt). Empathie wird dementsprechend vor allem Tieren gegenüber empfunden, scheinbar aber weniger gegenüber anderen Menschen.
In diesem Zusammenhang stellt das Buch auch Fragen dazu, was echt ist, was künstlich ist und ob diese Unterscheidung überhaupt wichtig ist. So entwickelt Deckard eben auch Gefühle für eine Androidin und fragt sich, ob Empathie dahingehend ebenfalls getestet werden sollte.
Entstehungsgeschichte:
Philip Kindred Dick wurde 1928 geboren. Das Verhältnis zu seinen Eltern war immer schwer und er zog in seiner Kindheit oft um. Als Erwachsener heiratete er mehrfach, ließ sich scheiden und hatte mehrere Kinder. Er interessierte sich für viele Themen, darunter Religion und Philosophie.
Als literarische Erfolge zunächst ausblieben, experimentierte er mit Amphetaminen, LSD und Aufputschmitteln, wodurch er teils bis zu 60 Seiten am Tag schrieb. So schrieb er im Laufe seines Lebens 43 Romane und 118 Kurzgeschichten und auch wenn die Qualität vieler seiner Geschichten als zweifelhaft angesehen wird, haben ihn seine berühmten Romane, darunter auch „Träumen Roboter von elektrischen Schafen“, unsterblich gemacht.
Die Idee zu diesem Werk kam angeblich bei der Recherche zu seinem Roman „The Man in the High Castle“. Dafür las Dick Tagebücher von Gestapo Offizieren und wunderte sich über die fehlende Empathie, welche diese zeigten. Eine weitere Inspiration war die Geschichte „More Than Human“ von Theodore Sturgeon, in welcher die Menschheit in mehrere Klassen aufgeteilt ist und in der eine Klasse die anderen telepathisch beeinflusst.
Wirkung:
„Träumen Roboter von elektrischen Schafen?“ hatte einen großen Einfluss auf das Science-Fiction Genre und beeinflusste insbesondere Cyberpunk Werke sehr stark. Es war 1968 nominiert für den Hugo Award und 1998 erreichte es beim Locus Poll Award im Bereich „All-Time Best SF Novel before 1990“ den 51. Platz.
Das Buch wurde mehrfach adaptiert, wobei die darauf basierende Verfilmung „Blade Runner“ besondere Bekanntheit erlangte.
Heute zählt Philip K. Dick zu den bedeutendsten Science-Fiction Autor*innen und mehrere seiner Werke gehören zu den modernen Klassikern der amerikanischen Literatur.
Der Film „Blade Runner“:
„Blade Runner“ erschien 1982, nur kurze Zeit nach Philip K. Dicks Tod, welcher im Vorfeld jedoch die ersten 20 Minuten des Films sehen konnte. Der Film basiert eher lose auf der literarischen Vorlage und ändert diese an vielen Stellen stark ab. Insbesondere die Darstellung der Androiden verändert sich dadurch. Sind diese im Buch klar empathielos, zeigen sie im Film immer wieder Emotionen und kümmern sich auch umeinander. Dies wirft ein anderes Licht auf den Vergleich zu den scheinbar ebenfalls empathielosen Menschen. In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass im Film die Frage offenbleibt, ob Deckard wirklich ein Mensch ist, oder selbst ein Androide. Im Buch gibt es in Hinblick auf diese Thematik zwar Anspielungen, es ist aber doch recht klar, dass Deckard selbst ein Mensch ist.
Der YouTuber Dominic Noble hat eine sehr ausführliche Zusammenfassung davon, was für den Film geändert wurde und welche Elemente beibehalten wurden. Ich kann in diesem Zusammenhang sein Video „Blade Runner, Lost in Adaptation“ nur wärmstens empfehlen.
Einige besonders interessante Punkte, die geändert wurden, sind jedoch folgende:
- Pris und Rachael sehen im Buch gleich aus, da sie aus der gleichen Herstellungsreihe von Androiden kommen. Pris versucht dies zu ihrem Vorteil zu nutzen.
- Im Buch sind sexuelle Handlungen mit Androiden verpönt, während im Film mehrere Sexbots vorkommen. Die Tatsache, dass die Gesellschaft so streng dagegen ist, gibt der Szene mehr Gewicht, in welcher Deckard mit Rachael schläft.
- Mehrere Elemente und Szenen wurden komplett entfernt. So gibt es im Film keine Stimmungsorgel, keinen Mercerismus, Deckard hat keine Frau und die Kultur um lebende Tiere ist beinahe nicht vorhanden.
- Im Buch ist die Gefahr des Voigt-Kampff Tests, dass Menschen mit Schizophrenie fälschlicherweise als Androiden erkannt werden, wodurch diese versehentlich erschossen werden können. Im Film dagegen entwickeln Androiden nach einiger Zeit gewisse Emotionen, was das Erkennen erschwert.


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