Eule und Klassiker: Über „Medea“ von Euripides
Details:
Titel: Medea
Originaltitel: Μήδεια Mḗdeia
Autor: Euripides
Erscheinungsjahr: 431 v. Chr.
Verlag: Reclam
Kauflink: Amazon
Preis: 5,40 € (D) Taschenbuch
Die Medea-Sage zählt bis heute zu den bekanntesten Sagen der Antike und wird in den bildenden Künsten immer wieder aufgegriffen. Gerade die Version des griechischen Dichters Euripides zählt noch immer zum Standard-Repertoire des Theaters und ist eines der meistaufgeführten Stücke aus der Antike. Grund genug also, sich das Werk einmal anzusehen, als jemand, der sich weder mit dem Mythos, noch mit antiker Literatur an sich auskennt. Dieser Beitrag enthält die gesamte Handlung des Buches, wer es daher lieber zunächst selbst lesen möchte, sollte hier aufhören zu lesen und später wiederkommen.
Der Mythos:
Den meisten wird die Argonautensage zumindest dem Namen nach ein Begriff sein. Iason (modern auch Jason geschrieben) und eine Schar von Helden fahren nach Kolchis, um dort das goldene Vlies zu erbeuten, welches von König Aietes gehütet wird. Iason verliebt sich dort in Medea, die zauberkundige Tochter eben dieses Königs. Sie hilft ihnen, das Vlies zu stehlen und bringt dabei ihren eigenen Bruder um. Iason nimmt sie zur Frau und sie haben gemeinsam zwei Söhne. Zurück in Griechenland verstößt Iason jedoch Medea, um die Tochter des Königs Kreon zu heiraten.
An diesem Punkt beginnt die Handlung des Stücks von Euripides. Zutiefst verletzt ersinnt Medea Rachepläne, von welchen König Kreon erfährt und sie daher aus dem Land vertreiben will. Medea erbittet einen Tag Aufschub und auch wenn Kreon weiß, dass dies keine gute Idee ist, gewährt er ihr diesen. Als zauberkundige kennt Medea viele Gifte und sie tränkt ein besonderes Gewand und ein Diadem mit diesen. Ihre Kinder bringen es Iasons zukünftiger Braut als scheinbares Geschenk der Versöhnung. Sowohl die Prinzessin, als auch König Kreon sterben im Zuge dessen.
In älteren Fassungen der Sage sterben Medeas Kinder bei dem Versuch, sie durch einen Zauber unsterblich zu machen, oder durch die Rache der Konrinther für die Ermordung ihres Königs. Euripides jedoch schreibt Medea selbst diese Tat zu. Im Stück tötet sie ihre Kinder aus Rache an Iason, damit dieser keine Nachkommen mehr hat.
Medea selbst hat zuvor Asyl bei Aigeus, dem König von Athen, ersucht und flieht nach der Tat auf dem Drachenwagen, einem Geschenk ihres Vorfahren, dem Gott Helios.
Entstehungsgeschichte:
Der griechische Dichter Euripides wurde 485 v. Chr. geboren. Seinem Vater war bei der Geburt vorausgesagt worden, dass Euripides sportliche Siege erringen werde, weshalb er früh im Faustkampf unterrichtet wurde. Tatsächlich zog sich dieser aber gerne in eine Höhle zurück, um dort Dramen zu verfassen. Euripides verfasste in seinem Leben 92 Stücke, von denen jedoch viele verloren gingen. Er gewann vier Siege bei großen Wettkämpfen darum, welcher Dichter das beste Bühnenstück aufführen konnte und sein Sohn gewann einen fünften, posthumen Sieg für ihn. Die Medea war zu seiner Zeit ein umstrittenes Stück und brachte ihm keinen Sieg ein. Heute ist es jedoch sein bekanntestes Werk.
Wirkung:
Der große Konfliktpunkt des Werkes liegt in dem Mord der Kinder durch Medea. Warum tut sie dies? Für uns mag es klar sein, dass es sich hier um ein großes Unrecht handelt, welches nicht zu rechtfertigen ist. Doch es gibt viele Interpretationen, die zeigen, dass Medeas Handeln im Zeitkontext wenn auch nicht moralisch gut, so doch verständlich sein kann. So wie sie ging es damals vielen Frauen – sie konnten von ihren Männern verstoßen werden. Die Frau hatte, in einer von Männern dominierten Welt, keine Wahl, als sich zu fügen, auch wenn sie dadurch entehrt wurde. Medea allerdings ist eine Zauberkundige, eine Giftmischerin und Nachfahrin eines Gottes. Sie hatte Möglichkeiten sich zu wehren, auch wenn diese begrenzt waren. Euripides wollte den Menschen vor Augen führen, dass Medea nicht zur Mörderin geworden wäre, wenn nicht der Egoismus eines Mannes – ihres Mannes – sie dazu getrieben hätte.
So gibt es viele Lesarten, die sich immer dem Zeitgeist anpassen. Und ebenso gibt es immer wieder Neudichtungen zu diesem Mythos. Vor einigen Jahren erschien etwa der Roman „Medea. Stimmen“ in welchem Christa Wolf die Geschichte noch einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
Und wie liest es sich als moderne Leserin?
Auch mit allem Hintergrundwissen, welches ich zum Werk gesammelt habe, war es kompliziert, dem Drama zu folgen. Zunächst muss man vorher genau wissen, wo das Stück einsetzt und die Argonautensage zumindest in den hier dargestellten Grundzügen kennen, sonst versteht man beinahe gar nichts.
Ich lese sehr selten Dramentexte. Prosa bevorzuge ich definitiv, da ich gerne mehr erfahre, als nur was gesagt wird. Dies hat es mir definitiv schwerer gemacht, das Buch zu lesen. Auch die sehr altertümliche und dabei ausgeschmückte Sprache hat es nicht erleichtert. Hier ein kurzer Auszug, welchen die Amme von Medeas Kindern spricht, als Beispiel der Sprache:
„Denn Hymnen zum Festschmaus, zum fröhlichen Mahl und zu Gelagen
erfanden sie als des Lebens erfreulichen Klang.
Aber keiner erfand, wie man verhaßtes Leid der Sterblichen
mit Musenkunst und saitenreichem Gesang
beendet, seitdem der Tod
und schreckliches Schicksal die Häuser verheeren.“
Es hat sehr lange gedauert, bis ich in einen gewissen Lesefluss gekommen bin und ab da war es leichter zu verstehen, dennoch gab es andere Dinge, welche mich als moderne Leserin etwas irritiert haben. So haben viele Handlungen einfach keinen Kontext und geschehen aus dem Nichts heraus. Medea trifft zufällig auf einen griechischen König, welchen sie meines Wissens nach zuvor nicht kannte und nach einer kurzen Unterhaltung schwört er auf die Götter, dass er ihr Asyl gewähren und sie gegen jegliche Feinde verteidigen würde. In einem modernen Buch würde ich so etwas definitiv kritisieren. Nun muss man hier natürlich anmerken, dass Figuren in antiken Dramen nicht als Individuen zu sehen sind, sondern als Stellvertreter für Gruppen oder Ideen und mit diesem Hintergrundwissen waren solche Stellen auch verständlich. Für mich war es dennoch einfach ungewohnt.
Es ist natürlich möglich, „Medea“ auch heute noch zu lesen und zu verstehen, allerdings denke ich, dass dieser Klassiker es erfordert, dass man sich zumindest ein wenig über Zusammenhänge informiert und sich auf einen für uns etwas komplizierteren Stil einlässt. Es ist definitiv nichts zum zwischendurch lesen.


[…] können.Die Geschichte hat starke Verbindungen zur griechischen Mythologie, insbesondere zum Medea-Mythos, was eine meiner liebsten griechischen Sagen ist. Hinzu kam, dass das Buch einfach durchgehend […]