Die Leipzigerin Tea Loewe liebt das Ungewöhnliche. Sie spielt nicht nur Akkordeon und Minigolf, sondern hat sich auch noch einige spannende Genres ausgewählt, in denen sie Bücher schreibt. Neben Fantasy, Dystopien und Science-Fiction ist sie nämlich auch in der Poesie unterwegs. Ich durfte ihr neues Buch aus dem dp Verlag lesen: „Die Macht des Avain“ ist eine spannende Sci-fi Geschichte, in welcher das Schicksal der gesamten Menschheit in den Händen einer mutigen Frau liegt.
Bevor es am Samstag meine Rezension zum Buch gibt, habe ich hier bereits den Klappentext für euch:
2247. Auf der Erde ist die Menschheit der Alien-Spezies der Shaterra gnadenlos ausgeliefert. Nach einer Kindheit in Gefangenschaft konnte Jü van Oak fliehen, musste aber ihre Heimat und Familie zurücklassen. Von Sehnsucht geplagt, kehrt sie Jahre später an diesen schrecklichen Ort zurück und findet ihren Bruder wieder. Doch die Shaterra sind ihr auf der Spur und auch ihre Vergangenheit holt sie auf unerwartete Weise ein. Jü scheint tiefer in die Verstrickungen des Planeten verwickelt zu sein, als sie es je für möglich gehalten hätte und hat nur eine Chance ihre Heimat aus der Unterdrückung zu befreien. Ist Jü der bevorstehenden Herausforderung gewachsen?
Ich habe mit Tea über ihr spannendes Worldbuilding geredet und darüber, warum ihre Charaktere deutlich älter sind, als es in der Buchwelt normalerweise der Fall ist. Außerdem hat sie mir mehr über die unterschiedlichen Herangehensweisen in verschiedenen Genres erzählt.
An dieser Stelle vielen Dank liebe Tea, dass du dir Zeit für meine Fragen genommen hast!
Erzähl uns doch zuerst einmal etwas über deinen Schreibprozess.
„Schreibprozess“ ist ein großes Wort 😊. Ich versuche mal, meinen zu beschreiben. Aktuell ist es so, dass ich die Geschichte im Groben vorplotte. Da füllen sich demnach einige Seiten in meinem Notizbuch, manchmal packe ich noch Bilder dazu, damit ich mir besser merken kann, wie ich mir die Protagonisten oder meine Welt so vorstelle. Im nächsten Schritt tippe ich die grobe Vorstellung zu Kapiteln und einzelnen Szenen in meinen Laptop. Dort nutze ich die englischsprachige Freeware yWriter, die ich deshalb so gerne mag, weil sie das Buch so unglaublich gut strukturiert und ich ganz schnell von einer Szene zu einer anderen springen oder auch verschiedene Szenen parallel in Bearbeitungsfenstern öffnen kann. Danach beginne ich, stückweise, die Rohfassung zu schreiben. Manchmal besteht eine Szene aus fast nur Dialog, weil der wichtig ist, bevor ich ihn mit begleitender Handlung und einem Rahmen versehe, manchmal ist es andersrum. Danach kommt die erste Überarbeitung, dann noch mindestens eine zweite, bevor das Rohmanuskript an meine Ersttestleserin geht. Die versteht sich besonders gut darin, Logiklücken aufzudecken oder unrunde Charaktere zu feedbacken. Dann überarbeite ich nochmal und das Manuskript geht an die Betatestleser – meist eine Handvoll, deren diverses Feedback ich sammle und für eine weitere Überarbeitung nutze. Nach all diesen Schritten ist das Manuskript in der Regel so weit gewachsen, dass ich ein Exposé verfasse (welches auch mehrfach überarbeitet wird), mit dem ich mich bei Verlagen um eine Veröffentlichung bewerbe.
Ich habe gesehen, dass du in ganz unterschiedlichen Genres schreibst – Fantasy, Sci-fi und sogar Lyrik. Gibt es Unterschiede, wie du an deine verschiedenen Werke herangehst, zum Beispiel darin, wie du die Geschichten plottest?
Früher habe ich gar nicht geplottet und in allen Überarbeitungsschritten teils komplette Szenen gelöscht und neu geschrieben. Mittlerweile weiß ich besser, worauf ich in den Geschichten achten möchte und plotte deutlich bewusster vor. Seitdem muss ich auch keine ganzen Szenen neu schreiben, sondern lediglich einzelne Sätze, muss auch den halben Plot nicht umwerfen, sondern kann ihn gut bis zum Ende am roten Faden halten. Für die Fantasy- und SciFi-Bücher läuft der Planungs- und Schreibprozess sehr ähnlich (siehe Antwort auf Frage 1), nur dass ich bei SciFi noch deutlich mehr recherchiere, während ich bei Fantasy viel mehr in meinem Kopf nach Regeln und Gegebenheiten für die jeweils notwendige Welt auf Ideensuche gehe. Bei Lyrik ist das völlig anders. Die reitet mich in Abständen wie von allein. Da kommt ein Moment, dann kommt eine Zeile und wenig später steht das Gedicht. So sammeln sich diese Impulse über Jahre. In meinem Gedichtband „Wie eine Seifenblase“ finden sich Ergüsse aus über fünfzehn Jahren, wobei auch nicht jedes meiner Gedichte und Kürzestgeschichten den Weg hineingefunden hat. Für diesen Band hatte ich zahlreiche Testleser*innen, die allen Beiträgen Noten verteilt haben. Nur diejenigen, die über alle Rückmeldungen einen Schnitt von 2,5 oder besser hatten, waren auch im finalen Buch dabei.
Wie kamst du auf die Idee zu „Die Macht des Avain“?
Ich wollte schon ewig ein Buch schreiben, das an die Sternentor-Ideen von Stargate SG1 anknüpft. Ich liebe diese Serie und vor allem die Mischung aus Sciencefiction und historischem Input. Der Roman ist also eine Art Hommage an meine Lieblingsserie, wenngleich Handlung, Abläufe und Weltgeschehen eine völlig eigene Dimension haben und weit weg vom Original sind. Aber Sternentore sind der Hammer – mal eben auf einen anderen Planeten hüpfen. Geschrieben habe ich den Roman tatsächlich in einer Zeit, in der ich beruflich nach einer neuen Heimat gesucht habe. Dass Jü also nach einer inneren Verortung sucht und nicht genau weiß, wo sie sich beheimaten möchte, kommt nicht von ungefähr.
Das Worldbuilding im Buch fand ich sehr spannend, gerade auch was du darüber im Nachwort geschrieben hast. Würdest du ein wenig erzählen, wie du hier recherchiert hast?
Gern spoilere ich an dieser Stelle das Nachwort ein wenig und weise schon mal darauf hin, dass man zu diesem Recherchepart am Ende des Romans noch ganz viel erfährt. Es war mir sogar wichtig, genau diesen Teil mit meinen Leser*innen zu teilen.
Während ich überlegt habe, wie ich mein Zukunftsszenario auf der Erde mit der bronzezeitlichen Vergangenheit des Planeten kombinieren kann, habe ich nach potenziellen archäologischen Stätten gesucht – und zwar solchen, über die man (noch) nicht viel weiß, damit sie viel Spielraum für Fantasie lassen. Fündig geworden bin ich in Finnland in Sammallahdenmaki, einer bronzezeitlichen Siedlung mit riesigen Grabhügeln. Nun konnte ich schlecht dorthin reisen, aber eine reine Onlinerecherche erschien mir zu wenig. Also schrieb ich E-Mails nach Finnland mit der Bitte um Unterstützung. Über die Finnish Heritage Agency erhielt ich schließlich einen Kontakt zu einer Archäologin im Satakunta Museum. Die wiederum beantwortete mir all meine Fragen super detailliert, schickte mir sogar extra Bildmaterial und las sogar weite Teile des Manuskripts gegen, die ich dafür extra auf Englisch übersetzte. Die Zusammenarbeit war großartig und ich schwärme immer wieder gern davon. 😊
Die Charaktere in deinem Buch sind ja alle über 30, teils sogar noch deutlich älter. Das ist auf dem Buchmarkt leider noch eher eine Seltenheit. Wieso hast du dich dazu entschieden?
Zunächst einmal ist es die Alterskategorie, in der ich mich auch gerade befinde, weshalb ich mich dadurch auch besser in die Charaktere einfühlen kann. Außerdem mag ich erwachsenere Charaktere tatsächlich sehr gern. Die sind schon etwas ausgereifter und haben immer noch genug zu entwickeln und zu verstehen. Zu diesem Buch passte es außerdem auch viel besser, denn ein bisschen Lebenserfahrung sollten die Protagonisten schon mitbringen, bevor sie sich in diesen Kampf stürzen.
Gab es einen Charakter, den du beim Schreiben besonders mochtest?
Ich bin ein großer Fan von Ranjel, unter dessen unbeholfener Oberfläche ein sehr erwachsener und selbstbewusster Typ steckt. Und ich bin großer Fan von Blekk, bei dem mir der Zynismus nur so aus den Fingern getropft ist. Das hat richtig Spaß gemacht und gibt dem Roman an manchen Stellen die nötige Portion Humor.
Zwischen welchen zwei Büchern würde „Die Macht des Avain“ in der Buchhandlung stehen?
Am liebsten zwischen einer Stargate-Verschriftlichung und The Dune 😉.
Hattest du eine Playlist beim Schreiben? Wenn ja, würdest du ein paar Lieder daraus mit uns teilen?
Tatsächlich hatte ich keine konkrete Liste. Ich habe bei Spotify nach „Sciencefiction“ gesucht und oft die Playlist „Space Music“ abgespielt, außerdem „Two Steps from Hell“, „Pandora Journey“ oder „Hans Zimmer“. Die kann man auch prima beim Lesen hören.
Welchen Tipp würdest du neu angehenden Autor*innen geben?
Schreibt einfach drauf los und seht, was dabei rauskommt. Sagt euren ersten Testlesern, dass sie ehrlich sein dürfen und fühlt euch nicht gekränkt, wenn Feedback kommt wie „zu langatmig oder nimmt mich nicht so mit“, denn das hat oft noch gar nicht direkt mit der Story zu tun, sondern mit dem unausgereiften Schreibstil. Geht dann in den Austausch und fragt konkreter nach. Vielleicht findet ihr auch jemanden, der schon eine Weile Geschichten schreibt und euch detaillierteres Feedback geben kann.


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