Auf der linken Seite steht "Der Übersetzer Michael Drecker im Interview" mit dem Cover der Zukunftsschimmer-Reihe. Auf der rechten Seite ist ein Profilfoto.
Interview

Interview mit Michael Drecker

Schon seit vielen Jahren übersetzt Michael Drecker englische Bücher aus dem Selfpublishing ins Deutsche. Angefangen hat er mit Kurzgeschichten der Autorin Emily Mah Tippetts, mittlerweile übersetzt er regelmäßig Romane von verschiedenen Autor*innen. Auf seiner Webseite kann man sich über die verschiedenen Projekte informieren.

Michaels aktuelles Projekt ist die Übersetzung der Zukunftsschimmer-Reihe von Susan Kaye Quinn. Diese Bücher spielen in der näheren Zukunft und zeigen eine von Klimakatastrophen gebeutelte Welt. Die Menschheit hat es jedoch geschafft, eine grüne Technologie zu entwickeln und zum ersten Mal scheint die Zukunft hoffnungsvoll zu sein. Ich durfte die ersten beiden Bände bereits lesen und bin begeistert von der Welt und der Botschaft der Autorin.

Bevor am Mittwoch auch meine Rezension zum zweiten Band kommt, hatte ich die Möglichkeit, Michael ein paar Fragen zu seiner Arbeit zu stellen. Wir haben darüber gesprochen, wonach er seine Übersetzungsprojekte auswählt, wie sich der deutsche Selfpublisher-Markt vom englischen unterscheidet und was die Zukunftsschimmer-Reihe so besonders macht.
Vielen Dank, lieber Michael, dass du dir Zeit für meine Fragen genommen hast!


Nach welchen Kriterien suchst du die Bücher aus, die du übersetzt?

Da gibt es verschiedene Kriterien. Um mal mit dem unromantischsten anzufangen: Ich muss das Gefühl haben, dass sich das Buch auch gut verkaufen wird, oder etwas netter gesagt, vielen Leuten gefallen wird. Das liegt vor allem daran, weil ich für meine Übersetzungen nicht direkt bezahlt, sondern an den Verkäufen beteiligt werde. So nehme ich den AutorInnen den Druck, mit tausenden von Euro in Vorkasse gehen zu müssen, das heißt aber umgekehrt auch, dass Buchverkäufe ein wichtiger Faktor für mich sind, damit ich weiter in Vollzeit übersetzen kann. Die genauere Bewertung dieses Kriteriums beinhaltet, wie gut das Buch sich in seinem Heimatmarkt geschlagen hat, wie gut es geschrieben ist und wie professionell das Cover wirkt. Auch das Genre ist nicht unwichtig, meistens sind es Bücher aus dem Bereich Romance, Thriller oder (Paranormal) Fantasy, die ein breites Publikum finden.

Aber da Geld natürlich nicht alles ist, streue ich auch immer wieder gerne Übersetzungsprojekte ein, auf die ich einfach Lust habe – sei es, weil es nach einem spannenden Buch klingt, bei dem ich glaube, dass mir das Übersetzen besonders viel Spaß machen wird, ich das Thema interessant oder die Botschaft wichtig finde, oder es irgendeinen anderen Grund gibt, der mich begeistert. Das passiert bei mir so einmal im Jahr würde ich sagen und reicht in der Regel von einem einzelnen Buch bis hin zu Trilogien.

Wie gehst du generell beim Übersetzen vor?

Im Prinzip gibt es bei mir drei Durchgänge. Im ersten versuche ich, den Ausgangstext möglichst fließend zu übersetzen, das heißt ich tippe die deutsche Übersetzung runter und versuche, mich nicht allzu sehr damit aufzuhalten, sollte mir ein Satz oder eine Formulierung mal nicht gefallen – in dem Durchgang ist es mir wichtiger, dass ich im Rhythmus bleibe. Natürlich bleibt es trotzdem nicht aus, dass ich einzelne Vokabeln oder Begriffe nachschlagen oder googlen muss, aber das bringt mich meistens nicht aus dem Flow. Im zweiten Durchgang überarbeite ich dann meine Übersetzung, besonders was die Formulierungen angeht, dass also alle Sätze und Dialoge gut klingen und sich das Buch schön und flüssig lesen lässt – als Nebeneffekt finde ich hier dann auch schon einige Tipp- oder Grammatikfehler. In diesem Durchgang tausche ich mich auch am meisten mit den AutorInnen aus, bezüglich möglicher Fragen, die mir beim ersten Durchgang gekommen sind. Die Version nach der zweiten Runde ist schon ziemlich nah am fertigen Produkt, geht dann aber erstmal an eine meiner KorrekturleserInnen, da man doch irgendwann zu nah an seinem eigenen Geschriebenen ist um noch alle Fehler zu finden. Im dritten und finalen Durchgang lese ich das Buch dann nochmal durch, hier liegt der Fokus dann auf der Fehlersuche, obwohl mir auch hier noch ab und zu Sätze auffallen, die ich besser formulieren könnte, oder mir vereinzelt bessere Vokabeln einfallen. Praktisch parallel dazu korrigiere ich dann die von den KorrekturleserInnen gefundenen Fehler. Und wenn all das fertig ist geht das Buch zur Formatierung zurück zur Autorin oder der Person die auch die englische Originaldatei zum eBook und in die Taschenbuchversion formatiert hat.

Welches Buch war bisher dein liebstes Projekt und welches war das schwerste?

Tatsächlich ist mein aktuelles Projekt, die „Zukunftsschimmer“-Reihe von Susan Kaye Quinn, eines meiner liebsten – nicht nur, weil ich privat ein großer Science-Fiction Fan bin, sondern auch weil ich die Hopepunk-Botschaft hinter dieser Buchreihe so wichtig finde. Die Erkenntnis, dass unsere Zukunft keine apokalyptische Wüstenlandschaft sein muss, sondern wir jederzeit (je früher desto besser) gemeinsam einen positiven Einfluss auf die Zukunft haben können und nicht dem Untergang geweiht sind. Es also buchstäblich Hoffnung gibt. Und so realistisch das geschilderte Szenario in den Büchern (leider) ist, hat es doch so viele schöne Aspekte was die Entwicklung der Technik – und noch wichtiger, der Gesellschaft – angeht, dass es wirklich Mut macht.

Meine schwerste Übersetzung hingegen war glaube ich „Wolfhound“ von Kindal Debenham. Dabei ist es keinesfalls ein schlechtes Buch, ich finde es sogar nach wie vor ein absolut fantastisches Abenteuerbuch, aber es ist eine Geschichte aus dem Genre Space Opera oder Military Science-Fiction, was das Vokabular herausfordernd machte, und es ist sehr lang – was damals dazu geführt hat, dass ich bei der Arbeit das Gefühl hatte, einfach nie mit diesem Buch fertig zu werden, lol. Auch weil ich damals noch neben meiner eigentlichen Arbeit übersetzt habe und also eh nicht viel Zeit pro Tag hineinstecken konnte.

Wie bist du dazu gekommen, Bücher von Selfpublisher*innen zu übersetzen?

Das war wie so vieles im Leben ein Stück Zufall. Die Idee, mich als Literaturübersetzer zu versuchen, ist mir während meiner Masterarbeit gekommen, die sich eigentlich mit Unternehmensgründung befasst hat, aber ich las etwas über den US-Selfpublishermarkt und dass dieser auch in Deutschland langsam größer wird (das war 2012) und dachte mir, es wäre ein ganz nettes Projekt, Kurzgeschichten und/oder Bücher von US-AutorInnen zu übersetzen. Ich habe daraufhin relativ blauäugig einige Selfpublisher in Amerika angeschrieben und bin dabei glücklicherweise auf Emily Mah Tippetts gestoßen, die mir tatsächlich weit genug vertraut hat, um ein paar Kurzgeschichten von ihr zu übersetzen – und da dies ganz gut lief, sind wir irgendwann zu ihren Büchern übergegangen und arbeiten auch heute noch zusammen 🙂 Darüber hinaus ist Emily sehr gut vernetzt, also habe ich auch einige Folgeaufträge von anderen AutorInnen über sie bekommen und mittlerweile einen ausreichend großen Kundenstamm von Selfpublishern.

Siehst du Unterschiede darin, wie Selfpublishing funktioniert, oder darin, wie es angenommen wird, wenn du den deutschsprachigen und den englischsprachigen Markt vergleichst?

Ich denke was das „Funktionieren“ im Sinne vom Entstehen und Veröffentlichen der Bücher angeht ist es sehr ähnlich. Bei dem, wie es angenommen wird, hinken wir hier in Deutschland dem englischsprachigen, also besonders dem US-Markt, noch hinterher. Selfpublisher sind ja sehr auf eBook-Verkäufe angewiesen und eBooks und die dazugehörigen Reader sind hier noch nicht so akzeptiert oder verbreitet wie in den USA, was man zum Beispiel am Anteil der eBook-Umsätze sehen kann.

Zu den Gründen kann ich da teilweise nur spekulieren, die Deutschen gelten ja nicht gerade als technikaffin oder sind dafür bekannt, sich auf neue Dinge zu stürzen, lol. Auch glaube ich, dass einige LeserInnen noch Vorurteile gegen Selfpublisher haben, als Schriftsteller, die es nicht „geschafft“ haben, bei einem Verlag unterzukommen. Aber erstens ist das auch nicht immer ein Qualitätsmerkmal und zweitens arbeite ich auch mit vielen Selfpublishern zusammen, die bewusst nicht zu einem Verlag wollen, weil sie die Freiheit ihrer Arbeit schätzen – keine Deadlines, keiner, der einem in den Schaffensprozess quatscht, und natürlich ein größerer Tantiemenanteil als bei Verlagen. Naja, da könnte man noch eine ganze Menge zu schreiben, aber abschließend würde ich noch sagen wollen, dass man bei Selfpublishern vielleicht etwas mehr filtern muss, aber wenn man das tut, kann man echte Perlen finden.

Dein aktuelles Projekt sind ja die Zukunftsschimmer-Romane von Susan Kaye Quinn. Was genau hat dich an dieser Reihe besonders angesprochen?

Wie oben schon gesagt finde ich die Botschaft in unserer jetzigen Zeit einfach sehr wichtig. Ohne mich jetzt zu sehr zu wiederholen, glaube ich, dass das Aufzeigen einer positiven Zukunft essentiell wichtig ist, um gegen das Gefühl von Entmutigung und Machtlosigkeit anzugehen. Ich glaube, ich habe es oben gar nicht erwähnt, aber natürlich steht in den Büchern die von uns verschuldete Klimakrise und deren Auswirkungen im Mittelpunkt, und da ist ja heute immer noch alles dabei von Leugnungen bis hin zu „Jetzt ist es auch zu spät“ – aber das ist es eben nicht. Wir haben jetzt schon die Mittel, das Ruder herumzureißen, es fehlt nur vielerorts der Wille und der Mut. Und ich hoffe, dass diese Buchreihe vielleicht ein bisschen dabei helfen kann, diese zu erzeugen.

Außerdem hatte ich schon die Mindjack-Reihe von Susan übersetzt und wusste, dass sie nicht nur sehr stimmige Zukunftswelten baut und spannende Geschichte erzählt, sondern auch Botschaften vermittelt, die uns (hoffentlich) zum Nachdenken bringen. Auch diese Reihe ist in ihrer Botschaft, was das Zusammenleben von uns Menschen angeht, immer noch hochaktuell.

Gibt es Selfpublisher*innen egal ob deutschsprachig oder englischsprachig, deren Bücher du gerne besonders empfehlen möchtest? Gibt es vielleicht auch welche, von denen du dir wünschst, in der Zukunft mit ihnen zusammenzuarbeiten?

Natürlich empfehle ich grundsätzlich all meine AutorInnen 😉 Nein, wirklich, bei jedem/r bin ich extrem dankbar, dass sie mit mir zusammenarbeiten wollten und ihr Vertrauen in mich gesetzt haben – und außerdem übersetze ich ja nur Bücher von denen ich überzeugt bin, dass sie gut sind, also kann ich da wirklich jedes guten Gewissens empfehlen.

Emily Mah Tippetts möchte ich hier aber doch noch einmal besonders erwähnen, weil sie, wie oben erwähnt, die erste Autorin war, die mir die Chance gegeben hat, ihre Werke zu übersetzen und mir als ehemalige Juristin sogar dabei geholfen hat, meinen Übersetzungsvertrag für die Autoren auszuarbeiten. Außerdem hat sie eine tolle Jugendbuchserie, die hierzulande leider aus verschiedenen Gründen total untergegangen ist, die „Chasing Sunrise“-Reihe, da würde ich mich freuen, wenn manche Leser der Reihe eine Chance geben würden.

Mit wem ich gerne einmal zusammenarbeiten würde, obwohl das wohl ein frommer Wunsch bleiben wird, ist Hugh Howey, einfach weil ich ihm schon sehr lange in seiner Karriere folge und absolut begeistert von seiner Wool-Trilogie war. Schriftstellerisch wirklich großartig. Hugh hat zumindest als Selfpublisher angefangen, aber seine Bücher findet man mittlerweile überall, und die Wool-Reihe (zu deutsche glaube ich „Silo“) ist mittlerweile auch für Apple TV+ verfilmt und auch als Serie sehr zu empfehlen.

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2 Kommentare

  1. Huhu liebe Laura,
    oh, wie genial, ich habe Michael auch um ein Interview gebeten 🙂
    Witzigerweise habe ich eine ähnliche Frage gestellt.
    Jetzt weiß ich auf jeden Fall schon mehr über ihn.
    LieGrü
    Elena

    1. Laura_Kaeppele sagt:

      Oh das ist ja spannend, da muss ich gleich mal bei dir vorbeischauen!

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