In diesem Jahr durfte ich in der Jury der Kategorie Bestes Buch für den Seraph sitzen. Gelesen habe ich dafür 12 Bücher und mein persönlicher Favorit war ganz klar „Requiem für einen blutroten Stern“ von Anika Beer. Dieser Vampirroman, der in England und Italien im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, hat mich voll und ganz überzeugen können – mehr dazu in meiner Rezension. Auch wenn das Buch den Seraphen leider nicht gewinnen konnte, bleibt es dennoch mein persönliches Highlight.
Anika Beer selbst hat Neurobiologie studiert und arbeitet jetzt als Autorin und Lektorin. Ihr Debüt war die „Die Blutgabe“-Trilogie, welche sie unter dem Pseudonym Franka Rubus herausbrachte. Zwischen 2023 und diesem Jahr sammelte sie über Crowdfunding genug Geld ein, um diese Bücher im Selfpublishing neu überarbeitet herauszubringen. „Requiem für einen blutroten Stern“ ist ein Prequel zu dieser Trilogie, kann aber auch unabhängig davon gelesen werden. Anika setzt sich in ihrer Arbeit insbesondere für nichtdiskriminierenden Sprachgebrauch und allgemeine Gleichstellung in der Buchbranche ein.

Ich durfte Anika auf der Leipziger Buchmesse am Tag vor der Verleihung des Seraphen treffen. Bei einem Snackteller haben wir uns zusammengesetzt und über das Leben als Autorin, ihre Bücher und natürlich die Nominierung für den Seraphen gesprochen.
Vielen Dank, liebe Anika, dass du dir Zeit für meine Fragen genommen hast!
Du hast ja Neurobiologie studiert. Wie kommt man denn nach so einem Studium dazu, Autorin zu werden?
Das war eigentlich gar nicht erst nach dem Studium. Ich habe schon viel früher geschrieben. Ich kann mich daran erinnern, so ungefähr mit 12 zum ersten Mal das Ziel formuliert zu haben, Deutschlands jüngste veröffentlichte Autorin zu werden. Das hat zwar dann nicht geklappt, aber mein Ziel war es trotzdem noch, Autorin zu werden. Als es dann so aufs Abitur zuging, habe ich allerdings gemerkt, dass reich und berühmt werden und vom Schreiben leben noch nicht wirklich in Sicht ist und ich deshalb erstmal was anderes machen muss. Ich bin dann nach Spanien gegangen als au pair und habe nach dieser Zeit gemerkt, dass es immer noch nicht so weit ist, dass ich veröffentlichen und vom Schreiben leben kann. Also wollte ich erstmal was studieren, was mich auch begeistert und wo ich in einem Beruf lande, in dem ich arbeiten wollen würde, wenn es denn mit dem Autorin sein irgendwie doch nicht klappt. Und das war dann eben Neurobiologie.
Meine Abschlussarbeit habe ich über Fledermäuse geschrieben und tatsächlich auch nach dem Abschluss des Studiums noch zwei Jahre in dem Bereich gearbeitet. Mein Betreuer war ein ganz großer Vampirfan und wollte immer, dass ich mal ein Vampirbuch schreibe – was ich damals auf keinen Fall wollte, weil mir Vampire nach der Twilight-Welle wirklich zu den Ohren raushingen. Wir haben dann aber eine Wette gehabt, die ich verloren habe und deshalb meinte ich: „Naja gut, dann schreibe ich dir eine Kurzgeschichte.“ Aber wie das halt mit Kurzgeschichten so ist, hat sie sich dann entwickelt und wurde zu meiner Vampirtrilogie, mit der ich mich dann tatsächlich bei Agenturen beworben und auch meinen Vertrag bei der Agentur Schlück bekommen habe.
Zu dem Zeitpunkt war ich eigentlich immer noch Neurobiologin, aber dann hat mein Chef einen Ruf für eine Professur in Berlin bekommen und konnte mich nicht mitnehmen. Also bin ich zum Arbeitsamt gegangen, und mein Sachbearbeiter schaut mich an und sagt: „Ah ja, Biologin sind sie. Was können Sie denn sonst noch?“. Zu dem Zeitpunkt gab es einfach sehr wenig Stellen und die meisten waren in Süddeutschland und dann auch noch auf 3 Monate befristet.
Ich meinte dann zu dem Sachbearbeiter, dass ich Bücher schreibe und er meinte: „Wir können es so machen: Wenn Sie es schaffen, bis August dieses Jahres einen Vertrag zu bekommen, können wir einen Gründungszuschuss für Sie beantragen. Aber es muss bis August passieren, denn danach gibt es den für Autor*innen nicht mehr.“. Und das hat geklappt. Deshalb bin ich jetzt seit 2010 als Autorin und seit 2015 auch als Lektorin selbstständig und es läuft gar nicht so schlecht.
Hast du selbst ein Vorbild in der Autorenwelt?
Ich glaube, richtig konkrete Vorbilder habe ich nicht. Beim Schreiben bin ich sehr eigen. Ich wünschte, es gäbe mehr erfolgreiche Leute, mit denen ich meine Bücher vergleichen könnte, aber das fällt mir tatsächlich meistens schwer.
Aber generell habe ich schon role models. Meine Agentin gehört da zum Beispiel zu. Also … es gibt Verhaltensweisen, die ich bewundere. Wie mich Menschen in meinen Anfängen in der Buchbranche unterstützt haben und ich dachte, dass ich denen das nie zurückgeben könnte. Aber die haben mir dann gesagt: „Das musst du mir auch nicht zurückgeben. Ich habe das auch irgendwann von jemandem bekommen. Gib du es einfach auch später an jemanden weiter, der es braucht. Denn wenn du irgendwann weitergekommen bist, gibt es jemand anderen, der am Anfang steht.“ Und das finde ich einfach ein tolles Lebenskonzept.
Könntest du denn sagen, zwischen welche Bücher du „Requiem für einen blutroten Stern“ im Buchhandel stellen würdest?
Anne Rice steht nicht mehr so oft in Buchhandlungen, sonst würde ich es neben „Interview mit einem Vampir“ stellen. Aber ich fände es auch schön neben den klassischen Vampirromanen, wie etwa “Dracula” oder so.
Würdest du sagen, dass du eher Plotter oder Pantser bist?
[Anm.: Plotter sind Autor*innen, die im Vorfeld genau vorausplanen, wie das Buch später aufgebaut sein wird. Pantser schreiben dagegen einfach los und sehen, wie sich die Geschichte im Schreibprozess entwickelt.]
Auf jeden Fall Pantser. Also ich plotte total viel, aber das bedeutet nicht, dass es hinterher auch so im Buch steht.
Du hast ja nun schon einige Projekte in Verlagen herausgebracht und jetzt bringst du die Blutgabe-Trilogie im Selfpublishing raus. Was sind generelle Unterschiede, die dir dabei aufgefallen sind – was sind vielleicht Dinge, die du am SP sogar bevorzugst oder Dinge, die du eher am traditionellen Verlagsweg vermisst.
Also tatsächlich ist das, was ich am schwierigsten und anstrengendsten finde, gleichzeitig das, was mir am besten gefällt, nämlich dass man alles selber machen muss. Man hat für alles selbst die Verantwortung. Einerseits ist das natürlich toll, denn ich kann alles alleine entscheiden: Wie das Cover und Layout aussehen. Auf wie viele Seiten der Text gequetscht wird, oder ob ich mir mehr Seiten gönne, denn ich entscheide ja auch den Preis selbst. Wie mache ich die Ausstattung? Will ich einen Farbschnitt? Hardcover oder Softcover? Ich kann das Buch genauso machen, wie ich es möchte.
Aber zugleich liegt eben auch die Verantwortung komplett bei mir und damit auch der gesamte Druck und die Sorge. Wenn das Buch den Leuten nicht gefällt, dann fällt das komplett auf mich zurück.
Und ein weiterer schwerwiegender Punkt ist natürlich, dass man beim Selfpublishing alle finanziellen Auslagen selbst tragen muss und keinen Vorschuss bekommt. Auch wenn ich es jetzt über Crowdfunding gemacht habe, was ja im Prinzip eine Art Vorschuss ist, ist das finanzielle Risiko ein ganz anderes. Da muss man sich drauf einlassen.
Du hast ja schon einige Romane herausgebracht. Welches deiner Bücher würdest du welchen Leser*innen empfehlen?
Also erst mal würde ich sagen, wer eins meiner Bücher mag, mag wahrscheinlich auch die meisten anderen. Aber es ist auch so, dass ein großer Teil Jugendbücher sind, die sich an eine andere Zielgruppe richten als meine restlichen Bücher. Die Charaktere erleben ja auch sehr alterstypische Probleme, deshalb sind meine Jugendbücher wirklich vor allem für Jugendliche. Das heißt aber natürlich nicht, dass Erwachsene keine Freude daran haben können.
Meine Bücher für Erwachsene sind ziemlich breit gefächert. Ich würde generell sagen, dass sie etwas für Lesende sind, die Freude daran haben, wenn Figurenentwicklung im Zentrum steht, wobei die Liebesgeschichte aber nicht unbedingt die Haupthandlung ist. Mir persönlich reicht es erzählerisch einfach nicht, wenn der Liebesplot der alleinige Haupthandlungsstrang ist. Ich liebe komplexe, vielschichte Plots, die sich von mehreren Seiten aufeinander zu entwickeln, und bei denen man am Anfang oft gar nicht sieht, was sie eigentlich miteinander zu tun haben, und die vielschichtige Themen behandeln – gerne auch gesellschaftskritisch. Ich stecke auch immer sehr viel Zeit und Arbeit in meine Settings. Die Geschichte und die Figuren sind damit dann immer stark verknüpft und könnten in einem anderen Setting gar nicht so stattfinden. Also wer detailverliebte Bücher mit einem starken Fokus auf Charakterentwicklung mag, der ist mit meinen Büchern gut beraten. Ein bisschen nerdy stuff sollte man auch mögen – egal ob das jetzt Musik ist oder Computerspiele, oder Wissenschaft, insbesondere biologische Themen. Und wenn mal etwas explodiert! Das kommt auch regelmäßig vor.
Du hast ja gerade erwähnt, dass du sehr detailverliebt bist, vor allem, was das Setting angeht. Dazu würde ich gerne wissen, wie deine Recherchearbeit generell, aber insbesondere in Bezug auf die Orte, die du gewählt hast, ausgesehen hat. „Requiem für einen blutroten Stern“ spielt ja in London und das sieht man als Setting in Büchern öfter, aber eben auch in Mentana und da hat mich sehr interessiert, wie du darauf gekommen bist.
Also ich kannte die Figur Cedric schon sehr lange aus der alten Trilogie und da hatte ich schon festgelegt, dass er Brite ist und aus London kommt. Also musste ich eben herausfinden, wie London zu diesem Zeitpunkt aussah. Da kam mir dann zugute, dass ich Menschen kenne, die das studiert haben und die mir gute Rechercheliteratur empfehlen konnten.
Mentana habe ich ausgewählt, weil wir damals, als ich in der zwölften Klasse war, auf Stufenfahrt nach Italien gefahren sind. Wir waren auf dem Weg zu unserer Unterkunft, ich hab aus dem Busfenster gesehen, und … die Hügel waren so grün. Es ist ja schon wirklich lange her, dass ich in der zwölften Klasse war, aber ich habe nie das Bild von diesen grünen Hügeln aus dem Kopf bekommen. Es fällt mir immer ein, wenn ich an Italien denke. Dazu kam dann, dass die Figur des Gregor, der im zweiten Requiem-Handelsstrang sehr wichtig ist, auch in der alten Trilogie zumindest kurz vorkommt. Auch seine Herkunft war also schon festgelegt, und er ist Italiener, daher wurde es Italien. Und schon war ich wieder bei: Die Hügel waren so grün! Deswegen habe ich mir gedacht, dieser Satz kommt jetzt definitiv ins Buch, und das habe ich offensichtlich auch so gemacht (siehe Requiem, Kapitel 5). Na ja, und von da aus musste ich dann halt weiter recherchieren. Erst denkt man immer, man findet nichts, aber wenn man erst einmal angefangen hat, dann findet man doch immer viel mehr, als man eigentlich braucht.
Wie bist du auf die Idee gekommen, mit „Requiem für einen blutroten Stern“ ein Prequel zur Blutgabe-Trilogie zu schreiben?
Das liegt daran, dass ich in den Cedric sehr verknallt bin (lacht). Nein, nicht wirklich, aber er war immer meine Lieblingsfigur aus der alten Trilogie. Und er macht zwar innerhalb der Trilogie eine große Entwicklung durch und hat da auch viel zu erzählen, er ist aber sehr zugeknöpft, was seine Vergangenheit angeht. Es hat mich immer gereizt, mal rauszufinden, was da in seiner Vergangenheit passiert ist, egal ob er es mir erzählen möchte oder nicht, und warum er es eigentlich nicht erzählen möchte. Ich habe sehr lange immer wieder mit dem Gedanken gespielt, das mal zu schreiben, aber habe einige Zeit gebraucht, um überhaupt rauszufinden, was die Geschichte ist. Als es dann so weit war, habe ich mich hingesetzt und sie aufgeschrieben und zum Glück fand Astrid vom Drachenmond Verlag das dann auch cool und hat es ins Programm genommen.
Wenn die Blutgabe-Trilogie demnächst erscheint – würdest du Lesenden eher empfehlen mit dem Prequel zu starten oder direkt mit der Trilogie?
Ich glaube das ist ganz egal, weil ich Blutgabe jetzt nochmal stark überarbeitet habe. Beides sollte komplett unabhängig voneinander lesbar sein. Man kann also nur eins von beidem lesen, wobei ich natürlich hoffe, dass man, wenn man eins von beiden liest, auch das andere lesen möchte, obwohl die Genres ja eigentlich sehr unterschiedlich sind. Ich habe es aber so gemacht, dass man Dinge wiederfindet, die sich auf den jeweils anderen Teil beziehen. Ich habe zum Beispiel eine Testleserin, die gerade Band 1 der Trilogie beendet hat und die jetzt nochmal Requiem lesen möchte, um zu sehen, ob sie da Elemente aus Band 1 wiederfinden kann.
Wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, dass du für den Seraph nominiert wurdest?
Oh mein Gott, das war krass! Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, schon gar nicht mit diesem Buch, weil es so anders ist als das, was ich sonst schreibe. Aber dass es jetzt ausgerechnet mit einem meiner Vampirromane passiert ist, ist auch so cool. Ich habe mich wirklich sehr, sehr, sehr gefreut. Also ich bin einfach total glücklich, dass das passiert ist und ich höre nicht auf, nervös zu sein, bis ich morgen erfahren habe, ob es geklappt hat oder nicht! Aber allein die Nominierung habe ich gefeiert, als hätte ich schon gewonnen!
Hast du andere Bücher von der Liste der Nominierten gelesen? Wenn ja, welches Buch würdest du sagen ist deine stärkste Konkurrenz?
Also bisher habe ich leider noch nicht viele davon gelesen. Ich habe natürlich „A Breath of Winter“ gelesen, da ich es auch lektoriert habe und das halte ich auch tatsächlich für meine schärfste Konkurrenz. Ich mag das Buch einfach unheimlich gern und ich würde mich mit Carina fast genauso freuen, wie mit mir selbst. [Anm.: „A Breath of Winter“ hat in der Kategorie Bestes Buch tatsächlich gewonnen.]
„Ever & After – Der schlafende Prinz“ von Stella Tack habe ich selbst nicht gelesen, aber das war ja sehr erfolgreich, deshalb hat das vielleicht noch gute Chancen. Und was mich persönlich sehr anspricht ist „Magische Bilder – Die verschollenen Meister“ von Akram El-Bahay. Inwiefern das eine große Konkurrenz ist, kann ich nicht beurteilen, aber das hat mich von der Leseprobe wirklich angesprochen und ich würde es gerne noch weiterlesen, wenn es meine Zeit erlaubt.
Eine Frage habe ich noch. Die stelle ich eigentlich immer am Ende: Welchen Tipp würdest du neu angehenden Autor*innen mit auf den Weg geben wollen?
Hartnäckig sein und nicht aufgeben. Sowohl ein Buch zu schreiben als auch das Veröffentlichen haben ganz viel damit zu tun, es immer und immer wieder zu versuchen. Erstmal ist es natürlich wichtig, fertig zu schreiben. Es gibt wenig, was man mit diesem Gefühl, ein Buch beendet zu haben, vergleichen kann und wenn man das einmal geschafft hat, dann schafft man es auch immer wieder. Aber ich weiß auch, wie schwer es ist, wenn man gerade in der Mitte oft so einen Hänger hat. Genau das passiert aber eben in allen Bereichen des Schreibens und Veröffentlichens. Es gibt immer diese Phasen, in denen man nichts anderes machen kann, als zu warten, was als nächstes passiert und es nicht selbst in der Hand hat. Man sollte sich auch immer klar machen, dass eine Ablehnung nicht bedeutet, dass man es nicht wert wäre. Also: Hartnäckig bleiben und nicht den Glauben an sich selbst verlieren.

