Rezension zu „Die Sommer“ von Ronya Othmann
Meine Bewertung:

Details:
Titel: Die Sommer
Autorin: Ronya Othmann
Verlag: Hanser
Seiten: 288
Kauflink: Amazon
Preis: 22,00 € (D) Hardcover; 16,99 € (D) E-Book
Worum geht es?
„Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Leyla wird eine Entscheidung treffen müssen. Ronya Othmanns Debütroman ist voller Zärtlichkeit und Wut über eine zerrissene Welt.“

Zitat:
„Einmal hatten sie bei Leyla in der Schule über Kinderarbeit gesprochen, und Leyla hatte dem Vater davon erzählt. Der Vater hatte nur mit der Schulter gezuckt. Kinderarbeit gab es bei uns nicht, hatte er gesagt. Wir haben als Kind auch so gearbeitet.“
Meine Meinung:
„Die Sommer“ wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar von Vorablesen bereitgestellt. Auf meine Meinung zum Buch hat dies jedoch keinen Einfluss.
Die Geschichte:
Leyla ist die Tochter eines jesidischen Kurden und einer Deutschen. Geboren in Deutschland, verbringt sie, seit sie drei Jahre alt ist, jeden Sommer im Dorf ihrer Großeltern in Syrien. Dort hilft sie ihrer Großmutter im Garten, spielt mit den Cousins und erlebt eine völlig andere Welt als in Deutschland.
Von Anfang an werden die Unterschiede zwischen Leyla und ihren Cousinen beschrieben. Rückblickend sieht sie, dass auch sie dafür verantwortlich war, aber als Kind fühlte sie sich nicht immer ganz zugehörig. Zu ihrer Großmutter dagegen hat Leyla ein sehr enges und inniges Verhältnis. Zu Beginn des Buches wird nur wenig über Leylas Leben in Deutschland gesprochen, jedoch hat sie dort eine enge Freundin.
Im Buch werden beinahe episodenmäßig Geschichten erzählt, aus verschiedenen Zeitperioden. Der Vater erzählt aus seiner Kindheit und aus dem Leben der Verwandten und Leyla erinnert sich an ihre Sommer bei den Großeltern. Im späteren Verlauf der Geschichte ändert sich der Fokus. Wurde zuvor beinahe nur über die Zeit im Dorf geredet, so geht es im letzten Drittel beinahe nur noch um die Zeit in Deutschland. Je älter Leyla wird und je angespannter die Situation im nahen Osten ist, umso unglücklicher wird sie. Sie merkt, wie wenig die Deutschen um sie herum über die Situation der Kurden wissen und wissen wollen. Nicht einmal die beste Freundin will mit ihr darüber reden. Leyla fühlt sich nicht zugehörig und fällt in ein tiefes Loch.
Die Geschichte in „Die Sommer“ folgt keinem normalen Erzählprinzip und manchmal war es verwirrend ihr zu folgen. Vor allem da viel Wissen vorausgesetzt wurde, oder nur am Rande erklärt wurde. Ich muss gestehen, dass ich wenig über die Vorkommnisse im nahen Osten weiß. Das Buch hat mich ziemlich ins kalte Wasser geworfen und aufgerüttelt, aber ich war während des Lesens auch immer wieder gezwungen, das Buch wegzulegen und im Internet nach Informationen zu suchen.
Der Schreibstil:
Wie bereits gesagt, ist das Buch sehr episodenhaft aufgebaut. Erzählt werden immer wieder Geschichten aus Leylas Leben und dem Leben ihres Vaters. Dies geschieht oft in keiner klaren Reihenfolge. So ist nicht immer deutlich, zu welcher Zeit man sich befindet. In Leylas Fall ist dies nachvollziehbar, denn sie kann sich nicht genau erinnern, was wann geschehen ist. Oft ist es auch nicht wichtig, ob ein Erlebnis in einem bestimmten Sommer war. Es ist jedoch manchmal verwirrend, wenn eine Erzählung gefühlt nicht vorbei ist und plötzlich eine völlig neue, nicht passende kommt.
Der Schreibstil wirkt im Allgemeinen eher kindlich und naiv, was aber gut zum Buch passt.
Die Charaktere:
Im Gegensatz zum Rest war ich mit der charakterlichen Gestaltung des Buches nicht so zufrieden. Gerade mit Leyla hatte ich meine Probleme. Aus ihrer Sicht wurde zwar alles beschrieben, aber trotzdem blieb sie irgendwie völlig farblos. Gerade im späteren Verlauf, wo es stark um ihre Emotionen und ihre Interaktionen mit Menschen in Deutschland ging, schien sie oft einfach nur da zu sein. Im Text wurde dann beschrieben, was andere zu ihr sagen, aber meist zeigte sie darauf keine Reaktion, oder es wurde nicht beschrieben, was sie erwiderte. Sie scheint vollkommen stumm und leblos zu sein. Ihre Emotionen konnte man zwar verstehen, aber nicht wirklich nachfühlen.
Es gab eine große Menge an weiteren Charakteren. Die meisten tauchten nur wenige Male im Buch auf, manchmal auch nur einmal. Viele haben komplizierte Namen, was die Zuordnung, wenn sie nach hundert Seiten doch wieder auftauchen etwas kompliziert gemacht hat (zumindest für mich, mit meinem schlechten Namensgedächtnis).
Die einzigen Charaktere, welche meiner Meinung nach gut beschrieben waren, waren Leylas Eltern, ihre Großeltern und eine Tante. Besonders Leylas Vater trug charakterlich einen großen Teil des Buches und in ihn konnte ich mich nach und nach immer besser versetzen. Dies war auf jeden Fall positiv.

Fazit:
„Die Sommer“ ist meiner Meinung nach mehr ein Kunstwerk als ein Roman. Es wirft auf jeden Fall Themen auf, die wichtig und unangenehm sind und vor allem hält es uns Deutschen unsere Ignoranz zu diesen Dingen vor. Zugleich ist es aber auch ein Buch über Zugehörigkeit und Sehnsucht eines jungen Mädchens. Trotz einiger Punkte, die mich an „Die Sommer“ etwas störten, bin ich insgesamt begeistert von diesem Buch.


