Rezension zu „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon
Meine Bewertung:

Details:
Titel: Blutbuch
Autor*in: Kim de l‘Horizon
Verlag: Dumont
Seiten: 334
Kauflink: Amazon
Preis: 24,00 € (D); 15,00 € (D) Taschenbuch; 10,99 € (D) E-Book
Klappentext:
Die Erzählfigur in ›Blutbuch‹ identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem Schweizer Vorort, lebt sie nun in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit? Wieso vermag sich die Großmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Großtante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie.
Dieser Roman ist ein stilistisch und formal einzigartiger Befreiungsakt von den Dingen, die wir ungefragt weitertragen: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizon macht sich auf die Suche nach anderen Arten von Wissen und Überlieferung, Erzählen und Ichwerdung, unterspült dabei die linearen Formen der Familienerzählung und nähert sich einer flüssigen und strömenden Art des Schreibens, die nicht festlegt, sondern öffnet.

Meine Meinung:
Die autofiktionale Figur Kim nimmt die fortschreitende Demenz der Großmutter zum Anlass, ihr schonungslos offene Briefe zu schreiben. Darin geht es um Queerness und Selbstfindung, aber insbesondere um die Aufarbeitung der familiären Geschichte. Kim versucht herauszufinden, was mit der verstorbenen Schwester der Großmutter geschah und wo sich die Großtante befindet, die in jungen Jahren verschwand.
„Blutbuch“ ist in fünf sehr verschiedene Teile gegliedert. Diese unterscheiden sich insbesondere durch den gewählten Stil. Dadurch wirkt das Buch insgesamt weniger einheitlich, mehr experimentell und mir hat dies sehr gefallen.
In den ersten beiden Teilen geht es vor allem um Kims Kindheit, im dritten recherchiert Kim über die Blutbuche, welche in enger Verbindung zur Familiengeschichte steht. Im vierten Teil geht es dann um die Vorfahrinnen, deren Geschichte zuvor unsichtbar war und zuletzt schreibt Kim Briefe auf Englisch direkt an seine Großmutter. Ich konnte mit diesen Teilen unterschiedlich viel anfangen: Während ich mich mit den ersten beiden Teilen eher schwergetan habe, fand ich die restlichen drei Teile sehr interessant und habe diese auch viel schneller durchgelesen.
Im Buch geht es um eine ganze Reihe an Themen und die Umsetzung dieser fand ich insgesamt sehr gelungen auf eine künstlerische Weise. Es geht um Queerness, Gender, Klassismus und Traumata. Es geht auch um Sprache, darum, wie sich unsere Muttersprache auswirkt, was man auf welcher Sprache sagen oder eben nicht sagen kann. Gerade dieser Anteil hat mir sehr gut gefallen.
Einige Themen dagegen konnten mich weniger begeistern, auch wenn ich dennoch sagen muss, dass auch diese künstlerisch sehr gut eingebracht wurden. Insbesondere der gesamte Themenbereich der Körperlichkeit hat mich etwas ratlos und unangenehm berührt zurückgelassen. Zweiteres war sicher Absicht, aber dennoch konnte ich letztendlich nichts damit anfangen.
Ebenfalls etwas schwergetan habe ich mich mit dem Aspekt der Ahnenforschung. Für mich wurde nicht ganz ersichtlich, ob die dort aufgetanen Geschichten Erfindungen waren, oder ob dies eine tatsächliche Familiengeschichte darstellen sollte. Aus Erfahrung weiß ich, dass es eigentlich nicht möglich ist, so genaue Details von so langen verstorbenen Vorfahrinnen zu erhalten, sofern man nicht einem Adelshaus angehört. Doch wenn es sich um ausgedachte Familiengeschichte handeln sollte, dann erschließt sich mir nicht der Wert dieses Abschnitts für die Geschichte.
Fazit:
„Blutbuch“ war ein intensives Buch, welches auf experimentelle Weise eine große Menge an Themen künstlerisch aufarbeitet. Auch wenn ich mit einigen Themen nicht so viel anfangen konnte, wie mit anderen, hatte ich doch nur wenig ernsthafte Kritikpunkte.

