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A Month in the Country

Eule und Klassiker: “A Month in the Country” von J.L. Carr

Ich bin über dieses Buch in einem kurzen Reel auf Instagram von @tomwayling gestolpert. Darin wurde es hoch gelobt und als anders als alles andere, was der Ersteller jemals gelesen hat, bezeichnet. Mich hat dies neugierig gemacht und ich musste es einfach lesen!

Handlung:

Achtung: Dieser Abschnitt enthält Spoiler für das gesamte Buch.

1920 kommt der junge Veteran Tom Birkin in das kleine Dorf Oxgodby. Er soll dort ein mittelalterliches Wandgemälde in der Kirche freilegen, welches irgendwann übermalt worden war. Birkin kämpfte im ersten Weltkrieg und seine Erfahrungen dort schlagen sich noch immer darin nieder, dass er ein unkontrollierbares Zucken im Gesicht hat.

Er lernt seinen Arbeitgeber Reverend Keach kennen. Dieser ist nicht begeistert davon, dass Birkin da ist und im Dachstuhl der Kirche schlafen wird. Eine reiche Dame der Gemeinde hat in ihrem Testament verfügt, dass die Kirche ihr Vermögen erhält, sofern das Wandgemälde freigelegt wird, aber Keach befürchtet, dass die Arbeit vom Gottesdienst ablenken könnte.

Nach einer ersten Nacht lernt Birkin einen weiteren Kriegsveteranen kennen. Charles Moon wird ebenfalls aus dem Testament bezahlt und soll das Grab eines Vorfahren der verstorbenen Frau finden – er selbst interessiert sich aber eher dafür, die archäologische Städte einer alten Basilika zu finden.

Über die nächsten Wochen legt Birkin nach und nach immer mehr des Gemäldes frei. Dabei entdeckt er, dass das Wandgemälde wohl als Meisterwerk bezeichnet werden kann. Mit Moon tauscht er sich ab und zu über die Erfahrungen im Krieg aus und erfährt dort ein stillschweigendes Verständnis, das die meisten anderen nicht haben.

Es kommen immer wieder Gemeindemitglieder, um seine Arbeit zu betrachten. Birkin wird so auch bei anderen zum Essen eingeladen und lernt die Menschen in Oxgodby immer besser kennen, darunter etwa die Frau des Reverends, Alice Keach. Zwischen den beiden entwickeln sich zarte Gefühle.

Als Birkin sein Werk beendet, trifft er noch einmal auf Alice und die beiden teilen einen romantischen Moment, doch Birkin entscheidet, sie nicht zu küssen. Sie geht zurück zu ihrem Mann und Birkin verlässt kurze Zeit später Oxgodby. Er erwähnt, dass er seitdem niemanden aus diesem Ort getroffen hat und somit niemals Nachrichten erhalten hat – Oxgodby bleibt in seiner Erinnerung somit immer gleich.

Stil:

Tom Birkin blickt in dem Buch auf seine Zeit in Oxgodby zurück. Die Gegenwart des Buches ist somit beinahe 60 Jahre nach den Ereignissen in Oxgodby. Man merkt beim Lesen die Wehmut, die der Erzähler hat, wenn er an die Zeit und den Ort zurückdenkt.

Handlungsmäßig geschieht relativ wenig in der kurzen Geschichte. Die meiste Zeit über werden alltägliche Dinge beschrieben, wie eine gemeinsame Mahlzeit, die Arbeit an dem Gemälde, ein Spaziergang über die Felder etc. Dem Autor gelingt es dabei, eine Atmosphäre einzufangen, welche sich wohl am ehesten als Glück bezeichnen lässt. Der Kriegsveteran Birkin lernt, hier in diesem kleinen Ort wieder glücklich zu sein und am Leben teilzuhaben.

In ihrem Essay zu dem Buch beschreibt es Ingrid Norton wie folgt:

“Happiness, on the other hand, is trickier. Happiness is static, rarely dramatic. Instead of sudden twists of action and circumstance, it yields subtleties. Contentment builds slowly and steadily build; joyemerges fully-formed from a beautiful collision of time and place. Wonderful in life but, in a book, usually the conclusion of a drama or foregrounding for a tragedy; rarely the foreground. […] Happiness has an elusive texture and an individual nature—easily sensed, but difficult to share or recount. Traps of sticky nostalgia and the lure of over-exuberance can easily waylay the most skilled writer. One risks singeing bliss by overstating it.
I’m thankful, then, for the sure and steady hand of J.L. Carr. In A Month in the Country, Carr tells a tale of happiness which burnishes such a strong and subtle impression in the mind of the reader that it seems you yourself have passed through the season of contentment Carr describes.”

Für moderne Leser*innen kann das Buch unter Umständen manchmal schwer zu verstehen sein. Es wird generell davon ausgegangen, dass sich Lesende mit der Gesellschaft und auch dem Slang der ländlichen Bevölkerung Englands in den 1920er Jahren auskennt. Auch wenn die Geschichte generell gut verständlich war, kam es bei mir dadurch manchmal zu Verwirrung. In einzelnen Abschnitten konnte ich entweder sprachlich oder inhaltlich nicht wirklich einordnen, worum es gehen sollte.

Themen:

Achtung: Dieser Abschnitt enthält Spoiler für das gesamte Buch.

Neben dem Fokus auf Glück und Heilung behandelt das Buch unterschwellig auch religiöse Themen. In den 1920er Jahren kam es in dieser Hinsicht in Großbritannien zu größeren Umbrüchen. Insbesondere der Anteil an nicht gläubigen Menschen nahm langsam, aber stetig zu. Viele methodistische Gemeinden hatten Probleme, weiterzubestehen, da ihre Ausgaben von der Gemeinde direkt gestemmt wurden und diese durch wirtschaftliche Schwierigkeiten oft nicht mehr das Geld für größere Ausgaben hatten.

In „A Month of the Country” kommt Religion auf verschiedene Weisen vor. Zunächst einmal lebt Birkin in einer Kirche und arbeitet an einem religiösen Wandgemälde, welches eine Höllenszene zeigt. Die religiöse Hölle und die Hölle, welche Birkin selbst erlebt hat, werden hier kontrastiert. Es ergibt sich dadurch ein Bild, das zeigt, weshalb Birkin Probleme mit dem Glauben hat.

Auch die Ansichten der Kirche zu verschiedenen Menschen werden angedeutet: Während Birkin in der Kapelle lebt und von beinahe allen Einwohnern der Gemeinde willkommen geheißen wird, muss Moon in einem selbst gegrabenen Loch schlafen und hält sich von anderen Menschen fern. Moon wird als intellektueller, schwuler Mann weniger wertgeschätzt, obwohl er ebenfalls Arbeit für die Gemeinde verrichtet.

Zuletzt werden auch verschiedene Arten der Kirche kontrastiert. Während es zum einen die Kirche und den durch Reverend Keach durchgeführten Gottesdienst gibt, gibt es noch eine weitere Gemeinde, welche Birkin besucht (vermutlich Methodistisch). Diese Gemeinde wird als deutlich wärmer und einladender dargestellt, doch sie haben nur wenig Geld, um die notwendigen Dinge für einen Gottesdienst zu erstehen. Als sie etwa eine gebrauchte Orgel kaufen wollen, werden sie dabei schlecht behandelt, weil dem Verkäufer bewusst ist, dass sie nur wenig Geld einbringen werden.

Durch all diese Erwähnungen werden verschiedene Blickwinkel auf religiöse Themen eingenommen. Einige davon werden recht deutlich vom Text kommuniziert, andere dagegen sind eher zwischen den Zeilen versteckt. Das Bild, welches sich durch diese auf Religion ergibt, ist insgesamt jedoch ein sehr interessantes.

Entstehungsgeschichte:

Joseph Lloyd Carr wurde am 20.5.1912 in Carlton Miniott geboren, einem kleinen Dorf in Yorkshire. Seine Eltern waren Methodisten. Der Name seines Vaters war Joseph und Carr erhielt diesen als ersten Namen – er nannte sich jedoch meist Jim oder James. Carr arbeitete lange Zeit als Lehrer, mit der Begründung, dass er bei dieser Arbeit besonders viel Zeit habe, um andere Dinge zu tun.

Während des zweiten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zur Royal Air Force. Dort arbeitete er in verschiedenen Kapazitäten und brachte diese Erfahrungen in mehreren seiner Romane ein.

Nach dem Krieg arbeitete er zunächst weiter als Lehrer, wurde zwischenzeitlich sogar Rektor und gab dies jedoch 1967 auf. Nachdem er zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Bücher geschrieben hatte, wollte er sich voll und ganz dem Schreiben und Veröffentlichen widmen und gründete sogar einen eigenen Verlag.

„A Month in the Country” schrieb Carr 1979. Viele der Inhalte beruhten auf seinen eigenen Erlebnissen. So waren Charaktere etwa Familienmitgliedern nachempfunden und auch wenn die Geschichte in Yorkshire spielt, waren die Orte oft anderen nachempfunden, welche er besuchte.

Wirkung:

„A Month in the Country” war nominiert für den Booker Prize und gewann den Guardian Fiction Prize. 7 Jahre nach dem Erscheinen wurde es verfilmt, mit Colin Firth in der Hauptrolle.

Die Kritiken zum Buch waren insgesamt sehr positiv und auch wenn es heute keine besondere Bekanntheit genießt, wird es oft als Geheimtipp gehandelt.

Weiterführende Literatur:

“A Year with Short Novels: J.L. Carr’s Chance for Renewal” von Ingrid Norton

“Religion and Belief” in “Classes and Cultures: England 1918-1951” von Ross McKibbin

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