Cover "Kind 44"
Historisch Lesetipp Spannung

Kind 44

Rezension zu „Kind 44“ von Tom Rob Smith

Meine Bewertung:

5 Sterne

Details:
Titel: Kind 44
Reihe: Leo Demidow Band 1
Autor: Tom Rob Smith
Verlag: Goldmann
Seiten: 509
Kauflink: Amazon
Preis: 9,95 € (D) Taschenbuch; 8,99 € (D) E-Book

Worum geht es?

„Moskau 1953. In der Sowjetunion herrscht die nackte Angst. Stalins letzte Säuberungswelle wütet im Land, und jeder denunziert jeden, in der Hoffnung, die eigene Haut zu retten. In dieser Zeit der Angst wird der hochdekorierte Kriegsheld und Geheimdienstoffizier Leo Demidow zu einem Kollegen geschickt: Fjodors kleiner Sohn ist ums Leben gekommen – und Fjodor besteht darauf, dass es kein Unfall war, sondern brutaler Mord. Diese Behauptung kann die Familie das Leben kosten, denn die herrschende Ideologie sagt: Im real existierenden Sozialismus gibt es kein Verbrechen. Warum sollte in der perfekten Gesellschaft jemand Grund haben zu töten? Es gelingt Leo, den verzweifelten Vater zum Schweigen zu bringen. Aber er selbst kann den toten Jungen nicht vergessen und beginnt, heimlich zu ermitteln. Dabei stellt er fest, dass einem bestialischen Killer immer mehr Kinder zum Opfer fallen. Seine Nachforschungen bringen Leo in tödliche Gefahr, da der Apparat die kleinste Abweichung von der vorgegebenen Verhaltensnorm mit gnadenloser Härte bestraft. Aus dem Karriere-Offizier wird ein Gejagter. Und schließlich hat er nur noch ein Ziel: den Mörder zu stoppen, ehe die Geheimdienst-Kollegen ihn selbst zur Strecke bringen…“

Meine Meinung:

Die Geschichte:

Zunächst einmal sei gesagt, dass etwa die erste Hälfte des Buches nur sehr wenig mit den im Klappentext angesprochenen Mordfällen zu tun hat. Erst geht es mehr um das Leben in Russland in den 1950er Jahren und den Protagonisten, Leo Demidow. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich kein Geschichtsexperte bin und nicht beurteilen kann, wie genau die beschriebene Situation der Wahrheit entspricht. Alles, was ich hier beschreibe bezieht sich somit auf das Buch.

Im Februar 1953, somit nur kurze Zeit vor Stalins Tod, arbeitet Leo als Agent beim MGB, der Staatssicherheitsabteilung. Er geht seinen Pflichten gewissenhaft nach, glaubt an den Staat und daran, dass das was er tut, richtig ist. Er verbreitet Angst und ist grausam, denn „Grausamkeit [ist] der Schlüssel zum perfekten Staat.“ Dies sind Grundsätze, auf denen das gesamte Regime aufgebaut ist und man spürt dies deutlich im Buch. Die Angst sickert nur so durch die Seiten, ebenso wie die Armut und der Hunger der Menschen. Immer wieder werden die armseligen Wohnsituationen der Menschen beschrieben, welche vom Staat als das Beste vom Besten genannt werden. Durch die vielen Beschreibungen fühlt man sich oft, als ob man dabei wäre, als ob man mitten drinstecken würde.

Nach etwa der Hälfte des Buches, nimmt die Untersuchung der Morde eine wichtigere Rolle ein, wobei es hier nie darum geht, zu rätseln, wer der Mörder ist. Der Leser selbst bekommt dies recht früh gezeigt und für die Charaktere dreht sich zunächst alles darum, warum ein Mensch so etwas tun würde und dann, wie sie ihn finden können. Die Person des Mörders hat zwar für die Geschichte Relevanz, allerdings wird dieser Handlungsstrang am Ende nur eher kurz behandelt.

Viel wichtiger für die Handlung sind die angesprochenen Fragen, wie „Ist der Einzelne wichtiger als ein höheres Ziel?“ oder „Sollte man an sein Handeln glauben können, oder ist es wichtiger zu überleben?“. Diese Fragen werden auf teils erschreckende und brutale Art und Weise behandelt und tatsächlich ist das, was ich von dem Buch hauptsächlich mitgenommen habe, dass ich niemals in so einer Art Staat leben wollen würde!

Zwischenzeitlich gab es ein etwa 12 Seitiges Kapitel, welches ich besonders erwähnen möchte, da es mich emotional sehr mitgenommen hat. Es war mir persönlich nicht möglich, diese wenigen Seiten am Stück zu lesen. Es war früh klar, was geschehen würde, allerdings hat das nicht davon abgehalten, viele Emotionen auszulösen, darunter Angst, Ekel und ähnliches. Ich glaube damit kann man grundsätzlich auch die Geschichte des Buches beschreiben: Es geht weniger darum, was passiert – teilweise ist dies auch absichtlich vorhersehbar – es geht um die rohen Emotionen, die beim Lesen ausgelöst werden und welche bei mir zumindest auch noch eine Weile vorhanden waren.

Offene Seite des Buches Kind 44

Die Charaktere:

Der Text wechselt regelmäßig zwischen den verschiedenen Charakteren als Fokuspunkt. Teilweise geschieht es innerhalb eines Absatzes, dass eben noch Leos Gedanken beschrieben wurden und plötzlich zu einem anderen Charakter gewechselt wurde. Dies kann manchmal etwas plötzlich und verwirrend sein, vor allem, da auch Nebencharaktere, welche nur in einer Szene vorkommen, hierfür genutzt werden. Es sorgt auf der anderen Seite aber auch für ein breites Verständnis aller Charaktere. Besonders interessant ist es, den Unterschied zwischen Leo, dem treuen Staatsmann, und anderen Personen zu sehen.

Leo und seine Frau Raisa machen als Hauptcharaktere eine große Entwicklung durch und diese ist immer nachvollziehbar und gut beschrieben. Leos Entwicklung ist dabei deutlich erkennbar, während Raisas etwas subtiler verläuft, aber da aus beiden Perspektiven geschrieben wurde, sind beide verständlich. Durch die Entwicklung der beiden muss sich ihre Beziehung zueinander natürlich auch verändern. Hier werden in der Geschichte Themen, wie Treue, Gerechtigkeit, Verständnis und Machtgefälle beschrieben. Insgesamt habe ich die Charakterisierungen des Buches als sehr gelungen empfunden.

Fazit:

„Kind 44“ erzählt eine emotionale Geschichte über ein grausames Regime und menschenverachtende Missstände eingebettet in eine Mordgeschichte. Auch wenn diese nicht so viel Platz einnimmt, wie man annehmen würde, ist sie doch wichtig als Teil der Geschichte. Die Charaktere sind gelungen und machen eine große, dennoch nachvollziehbare Entwicklung durch. Von mir gibt es hier eine klare Leseempfehlung.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.