Cover "Meine dunkle Vanessa"
Drama Lesetipp

Meine dunkle Vanessa

Rezension zu „Meine dunkle Vanessa“ von Kate Elizabeth Russell

Meine Bewertung:

5 Sterne
Cover "Meine dunkle Vanessa"

Details:
Titel: Meine dunkle Vanessa
Autorin: Kate Elizabeth Russell
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
Seiten: 448
Kauflink: Amazon
Preis: 20,00 € (D) Hardcover; 14,99 € (D) E-Book

Worum geht es?

„Vanessa ist gerade fünfzehn, als sie das erste Mal mit ihrem Englisch-Lehrer schläft. Jacob Strane ist der einzige Mensch, der sie wirklich versteht. Und Vanessa ist sich sicher: Es ist Liebe. Alles geschieht mit ihrem Einverständnis. Fast zwanzig Jahre später wird Strane von einer anderen ehemaligen Schülerin wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Taylor kontaktiert Vanessa und bittet sie um Unterstützung. Das zwingt Vanessa zu einer erbarmungslosen Entscheidung: Stillschweigen bewahren oder ihrer Beziehung zu Strane auf den Grund gehen. Doch kann es ihr wirklich gelingen, ihre eigene Geschichte umzudeuten – war auch sie nur Stranes Opfer?

»Meine dunkle Vanessa« ist ein brillanter Roman über all die Widersprüche, die unsere Beziehungen prägen, ein Roman, der alle Gewissheiten erschüttert und uns spüren lässt, wie schwierig es ist, klare Grenzen zu ziehen. Verstörend und unvergesslich!“

Klappentext "Meine dunkle Vanessa"

Zitat:

„Ich sage es nicht, aber mitunter habe ich das Gefühl, dass er genau das mit mir macht – er bricht mich entzwei und setzt mich zu jemand Neuem zusammen.“ – Vanessa

Meine Meinung:

Die Geschichte:

Vanessa ist 32, arbeitet seit Jahren als Concierge und lebt in einer unordentlichen, dreckigen Wohnung. Bis heute steckt sie in der Vergangenheit fest, denkt immer wieder an ihre damalige Liebesgeschichte mit ihrem Englischlehrer Jacob Strane. In der Erzählung betont sie immer wieder, dass es tatsächlich eine Liebesgeschichte war, auch wenn er bereits in seinen 40ern war. Er habe alles nur mit ihrem Einverständnis gemacht, habe sie langsam umworben und nie unter Druck gesetzt. Als andere Frauen beginnen, ihn zu beschuldigen, sie zu Schulzeiten missbraucht zu haben, glaubt Vanessa ihnen nicht – oder will ihnen einfach nicht glauben.

In Rückblicken sieht man, wie Strane Vanessa gegroomt (Link zum Wikipedia Artikel zur Erklärung) hat, sie wieder und wieder manipuliert. Es ist erschreckend zu lesen, welche Methoden er anwendet, bis Vanessa schließlich der Meinung ist, alles sei freiwillig gewesen und sogar die gesamte Schuld auf sich selbst nimmt. Noch erschreckender ist es, zu erleben, wie alle Erwachsenen in ihrem Umfeld sie dabei im Stich lassen.

In zwei Zeitebenen – Vanessa als Jugendliche und mit 32 – erfährt man, wie Vanessas Leben durch die Ereignisse erschüttert und verändert wurden, bis sie nicht mehr in der Lage ist, ein Leben für sich selbst zu führen. Alles im Buch ist perfekt aufeinander abgestimmt und erzählt eine erschreckende Geschichte, die bis ins Mark geht.

Verarbeitet sind auch einige ältere Werke, der Literaturgeschichte, welche die Autorin zu diesem Buch inspiriert haben, so etwa „Lolita“ von Vladimir Nabokov. Es werden Gedanken und Fragen zu diesen Werken aufgeworfen, man kann diesen jedoch auch gut folgen, wenn man sie nicht selbst gelesen hat.

Gegen Ende des Buches hatte ich das Gefühl, dass einige Handlungsstränge auch hätten kürzer sein können. Es fühlt sich teilweise an, als ob mehr Seiten gefüllt werden sollten. Andererseits kann ich mir auch vorstellen, dass das tatsächliche Ende des Buches etwas gehetzt wirken könnte, wenn man hier wirklich Inhalt weggelassen hätte.

Von anderen Rezensionen weiß ich, dass es viele Menschen gibt, die mit dem Ende unzufrieden sind, da es keine Hoffnung gebe. Dem muss ich entschieden widersprechen. Nein, das Buch hat kein Märchenende und es geht nicht magischerweise allen wieder gut. Wer so etwas erwartet, ist mit einem Buch zum Thema Kindesmissbrauch schlecht beraten. Dennoch ist das Ende nicht hoffnungslos. Mehr möchte ich hierzu jedoch nicht sagen, da ich sonst etwas zu viel verraten würde.

Die Charaktere:

Auch wenn es im Buch einige Charaktere gibt, sind die einzig wichtigen Vanessa und Strane. Da die Geschichte aus Vanessas Sicht erzählt ist, gibt dies gut ihren Zustand wieder: Andere Personen existieren zwar, sind aber unwichtig und wenn sie nicht anwesend sind, denkt sie selten an sie. Dagegen scheint Strane immer anwesend zu sein. Wenn nicht physisch, dann zumindest in ihrem Kopf.

Vanessa selbst ist ein interessanter und komplexer Charakter. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es vielen Menschen schwer fallen könnte, sich in sie hineinzuversetzen, da sie oft vollkommen passiv ist, doch meiner Meinung nach war sie sehr überzeugend und fühlte sich real an.

Ich war sehr überrascht von der Darstellung von Strane im Buch. Von Anfang an wird er als körperlich nicht ansehnlich bis hin zu abstoßend beschrieben. Dies ändert sich auch später nicht. Dennoch fühlt sich Vanessa zu ihm hingezogen, aufgrund dessen, was er sagt und tut. Für sie sind diese Dinge in der Situation anfangs hoch romantisch, doch als Leser wird er dadurch eigentlich noch abstoßender. Es ist ein interessanter Kontrast, zu sehen, wie Vanessa ihn abstoßend und anziehend zugleich findet und das mit seiner eigenen Wahrnehmung abzugleichen.

Die meisten Nebencharaktere bleiben eher blass, was aber, wie eben gesagt, gut zur Geschichte passt. Ein Nebencharakter, den ich jedoch erwähnen möchte, ist Vanessas Mutter. Man erfährt nicht viel von ihr, aber was Vanessa erzählt, ist einerseits kein Missbrauch, andererseits auch nicht in Ordnung. Die Mutter macht oft Kleinigkeiten, mit denen sie Vanessas Grenzen überschreitet. Es sind nur Dinge, wie dass sie ihre Füße unter den Beinen oder dem Po ihrer Tochter wärmen möchte. Vanessa sagt jedoch Nein und die Mutter ignoriert es. Ebenso lebt die Mutter vor, vergangene Ereignisse einfach totzuschweigen. Es mögen Kleinigkeiten sein, jedoch denke ich, dass diese bereits den Grundstein für Vanessas spätere Erfahrungen mit Strane legen. Ich finde, dies regt zum Nachdenken an.

Erste Seite "Meine dunkle Vanessa"

Fazit:

„Meine dunkle Vanessa“ ist ein Meisterwerk, in welchem die Mechanismen und Folgen von Grooming gezeigt werden. Es ist durchweg überzeugend und stimmig und ich möchte es eigentlich jedem ans Herz legen. Allerdings ist es auch eine emotional schwierige Lektüre und ich denke es ist wichtig, dass man sich diesem Thema gewachsen fühlt, bevor man sich für dieses Buch entscheidet!

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