Drama Lesetipp

Die Ladenhüterin – Kühle Gesellschaftskritik

Rezension zu „Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata

Meine Bewertung:

Details:
Titel: Die Ladenhüterin
Autor: Sayaka Murata
Seiten: 142
Kauflink: Amazon
Preis: 18,00 € (D) Hardcover; 7,99 € (D) E-Book
Erhältlich im Kindle Unlimited Abo

Worum geht es?

„Keiko Furukura ist anders. Gefühle machen ihr Angst, das Verhalten ihrer Mitmenschen irritiert sie meist. Um nirgendwo anzuecken, bleibt sie für sich. Als sie jedoch auf dem Rückweg von der Uni auf einen neu eröffneten Supermarkt stößt, einen sogenannten Konbini, beschließt sie, dort als Aushilfe anzufangen. Man bringt ihr den richtigen Gesichtsausdruck, das richtige Lächeln, die richtige Art zu sprechen bei. Keikos Welt schrumpft endlich auf ein für sie erträgliches Maß zusammen, sie verschmilzt geradezu mit den Gepflogenheiten des Konbini. Doch dann fängt Shiraha dort an, ein zynischer junger Mann, der sich sämtlichen Regeln widersetzt. Keikos mühsam aufgebautes Lebenssystem gerät durcheinander. Und ehe sie sichs versieht, hat sie ebendiesen Mann in ihrer Badewanne sitzen. Tag und Nacht.“

Die Protagonistin Keiko ist anders. Sie versteht soziale Normen nicht, ihre Gefühlswelt ist stark beschränkt, sie entscheidet die meisten Dinge aufgrund dessen, was ihr logisch erscheint. Schon in ihrer Kindheit war dies der Fall. Doch Keiko sorgt dieser Zustand, da ihre gesamte Umwelt sie als „Fremdkörper“ wahrnimmt. An mehreren Stellen erlebt sie, wie solche Fremdkörper aus der Gesellschaft „entsorgt“ werden. Um nicht aufzufallen, versucht Keiko, sich perfekt anzupassen. Dies gelingt ihr zum ersten Mal, als sie als Aushilfe in einem Konbini, einem japanischen Supermarkt, anfängt. Durch Videos und Trainingseinheiten wird ihr beigebracht, wie sie sich verhalten muss und durch weitere Imitation ihrer Kollegen hat sie zum ersten Mal das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein.

Doch auch dies hält nicht lange an. War es während ihres Studiums noch gern gesehen, dass sie als Aushilfe arbeitete, so wird sie als Mittdreißigerin komisch angesehen. Sie solle sich einen richtigen Job suchen. Oder besser noch einen Mann, der sie versorgen könne.

Meine Meinung:

Der Schreibstil:

Der Roman wurde ursprünglich aus dem Japanischen übersetzt, dies führt jedoch zu keinerlei Problemen beim Lesen. Einige Produkte mit japanischen Namen werden erläutert, so ist immer klar, worum es sich handelt.

Insgesamt zeigt der Schreibstil bereits die Gleichförmigkeit des Buches. Oft vergeht zwischen den Kapiteln Zeit und es ist nicht immer ersichtlich, ob es sich um den nächsten Tag handelt oder die nächste Woche. Das ist aber auch nicht wichtig. Im Konbini ist der Ablauf immer der gleiche, die vergangene Zeit spielt keine Rolle. Keiko ist bereits seit 19 Jahren angestellt und auch wenn die Produkte mittlerweile alle ausgetauscht sind und der Filialleiter bereits acht Mal gewechselt hat, so ist doch alles gleichgeblieben. Dies drückt sich auch im Schreibstil aus.

Die Charaktere:

Wir erleben durchgehend das Innenleben von Keiko Furukura und auch wenn sie doch so anders denkt als die meisten Menschen, sind ihre Gedankengänge zum größten Teil verständlich dargestellt. Sie handelt durchgehend charaktertreu. Eine Entwicklung ihres Charakters gibt es, allerdings in anderer Weise als man erwarten würde. Um genau zu sein ist Keiko am Ende des Buches die gleiche, die sie am Anfang war. Die Änderung vollzieht sich zwischendurch und ihr wird dadurch bewusst, dass sie doch genau da richtig war, wo sie am Anfang war. Man könnte sagen, sie findet eine gewisse Akzeptanz für ihr Anderssein.

Andere Charaktere werden genau beobachtet, ihr Verhalten bis hin zur kleinsten Mimik genau studiert. Und das zumeist sehr wertfrei. Selbst wenn Keiko Dinge beobachtet, die andere als ekelig beschreiben würden (schwarze Zähne, Spucke auf Fleisch), so beobachtet sie diese Dinge lediglich neben all den anderen Kleinigkeiten, ohne jegliche Emotion. Dies ermöglicht einen sehr interessanten, ungewohnten Blick auf alle Charaktere des Buches.

Die Geschichte:

Die Geschichte zeigt eine Gleichförmigkeit, die ihresgleichen sucht. Die Autorin, Sayaka Murata, hat ein Sinnbild der japanischen Gesellschaft geschaffen. Sie zeigt auf interessante Art und Weise, wie es ist, wenn das Funktionieren am Arbeitsplatz und die Gleichförmigkeit innerhalb der Gesellschaft die wichtigsten Dinge im Leben sind. Und statt dies zu kritisieren, etwa durch eine Protagonistin, welche sich dagegen wehrt, gibt sie uns Keiko. Keiko geht darin auf, Regeln gesetzt zu bekommen, andere zu imitieren, eine von vielen Arbeitsdrohnen zu sein. Dies ist alles, worin sie gut ist. Als sie versucht, diese Situation zu ändern, hat sie einen Zusammenbruch und weiß nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. „Ich hatte mein ganzes Leben danach ausgerichtet, ob etwas dem Konbini dienlich war oder nicht, und nun meinen Bezugspunkt verloren. Er hatte bestimmt, ob mein Verhalten vernünftig war.“, erkennt Keiko zu diesem Zeitpunkt.

Eine Liebesgeschichte, als welche dieser Roman bezeichnet wurde, findet man hier allerdings nicht. Auch wenn Keiko beschließt, zu heiraten, ist hier nirgendwo Liebe zu finden. Selbst ihrer Familie gegenüber scheint Keiko nichts dergleichen zu fühlen. Einzig dem Konbini gegenüber könnte Keiko Gefühle hegen, doch hier scheint es eher darum zu gehen, sich Zugehörig zu fühlen.

Fazit:

Viel geschieht wirklich nicht in der Geschichte und am Ende des Buches habe ich mich unwillkürlich gefragt „Das war es schon?“. Doch genau das macht dieses Buch aus. Alles, von der Handlung, über den Schreibstil, bis hin zu den Charakteren, passen perfekt zusammen und ergeben ein stimmiges Ganzes. Eine Geschichte von Gleichförmigkeit, dem Wunsch dazuzugehören, kein Fremdkörper zu sein. Meiner Meinung nach handelt es sich hier um eine wunderbare Gesellschaftskritik eines Systems, das wenig Platz für Individualität hat.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.