Interview mit Lina Baum zu ihrem Buch "Wie geht denn nun glücklich"
Interview

Interview mit Lina Baum

Interview mit Lina Baum zu ihrem Buch „Wie geht denn nun glücklich“

Im Rahmen der Online-Buchmesse 2020 habe ich ein Autorinnen-Patenkind bekommen. Lina Baum ist Berlinerin, hat drei Kinder und ihr Buch „Wie geht denn nun glücklich“ ist im August diesen Jahres erschienen. Am Sonntag wird es hier auch eine Rezension zum Buch geben! Damit ihr schonmal wisst, worum es geht, gibt es hier einmal den Klappentext:

„Linda steckt mitten in ihrer Masterarbeit, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Zusammen mit ihrem liebevollen Freund Holger müsste sie doch glücklich sein, wären da nur nicht all die Zweifel: Wird sie – chaotisch wie sie ist – eine gute Mutter sein? Linda will es ohnehin ständig allen recht machen, doch nun lasten die Erwartungen ihrer karriereorientierten Eltern und ihrer frommen Schwiegermutter besonders schwer auf ihr.
Als ihre Tochter zur Welt kommt, steht Lindas Leben völlig auf dem Kopf. Holger meistert seine neue Rolle als Vater perfekt, während Linda sich plötzlich unfähig fühlt und zunehmend ihre eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verliert. Um endlich wieder zu sich selbst zu finden, muss sie sich der Frage stellen: Worin liegt ihr Lebensglück und gehört Holger noch dazu?
Ein Roman über die Unwägbarkeiten des Lebens und den Mut, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen.“

Ich habe mit Lina darüber gesprochen, wer ihre Vorbilder sind, welche eigenen Erfahrungen sie in ihr Buch gesteckt hat und natürlich auch darüber, wie glücklich sein für sie ganz persönlich geht!

Vielen lieben Dank natürlich an dich, Lina, dass du dir für meine Fragen Zeit genommen hast!


1) Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Zum Schreiben bin ich ganz klassisch über das Lesen gekommen. Als Kind schon habe ich Bücher verschlungen, die gar nicht meinem Alter entsprachen. Wahrscheinlich habe ich auch nur die Hälfte verstanden, aber es hat mir trotzdem Freude bereitet und vermutlich meinen Wortschatz schon frühzeitig geschult. In der Schule konnte ich dann jedenfalls mit sehr guten Noten in den Aufsätzen glänzen und auch für mich selbst begann ich, kleinere Geschichten und vor allem Gedichte zu schreiben. Als Jugendliche wusste ich dann, dass eines Tages ein Buch von mir im Regal stehen würde, obwohl ich noch nie etwas längeres als eine Kurzgeschichte geschrieben hatte. Tatsächlich wagte ich mich erst spät an meinen Traum heran. Halbfertige Manuskripte warteten auf ihre Erweckung, doch irgendetwas kam mir immer dazwischen. In diesem Jahr war es dann endlich so weit, mich auf das zu besinnen, was mich erfüllt: das Lesen und Schreiben von Büchern.

2) Gibt es andere Autoren, die Vorbilder für dich sind?

Erich Kästner ist ein Autor, mit dem ich mich verbunden fühle. Er ist vom Sternzeichen Fische wie ich, er ist Linkshänder wie ich, er lebte erst in Berlin-Wilmersdorf wie ich, dann in Berlin-Charlottenburg wie ich, seine Wege durch Berlin sind meine Wege, ich laufe oft an der Stelle vorbei, an der sein Wohnhaus ausgebombt wurde. Erich Kästner ist ein Menschenbeobachter, ein Menschenkenner, er versteht die Nöte der einfachen Leute, er beleuchtet ihre Schwächen, er bringt viel Empathie für Kinder auf und beschreibt die harte Realität seiner Zeit mit Augenzwinkern bis hin zum Spott. Sein Schreibstil ist klar und ohne Umschweife, spielerisch bringt er Witz in die Ernsthaftigkeit seiner Themen. Sein Pessimismus allerdings ist der Hoffnungslosigkeit seiner Zeit geschuldet, in meine Geschichten möchte ich dagegen keine Verbitterung einfließen lassen, sondern die Aussicht auf neue Möglichkeiten durch Veränderung. Im Gegensatz zu Kästner bin ich außerdem ein Familienmensch und allein schon deshalb nicht annähernd so produktiv wie er. Da ich allerdings so einige Ideen für Kinderbücher in der Schublade habe, warte ich noch auf die Begegnung mit einem Menschen, der mich und meine Texte zeichnerisch ergänzt. Dann hätte ich wieder etwas mit Kästner gemeinsam, der erst zusammen mit seinem Freund Erich Ohser, dem Schöpfer von Vater und Sohn, sein kreatives Potenzial richtig ausschöpfte.

3) Wie läuft dein Schreibprozess ab? Wieviel planst du, bevor du loslegst?

Zunächst sammle ich Ideen. Dafür habe ich extra Schreibhefte parat und immer Zettel und Stift in der Tasche. Wann immer mir etwas in den Sinn kommt, das ich für brauchbar halte, notiere ich es mir. Irgendwann formt sich in entspannten Momenten eine Geschichte aus den Bruchstücken zusammen. Wenn ich meine, ein stimmiges Konzept entwickelt zu haben, fasse ich den Entschluss, mich mal hinzusetzen und eine bestimmte Szenerie aufzuschreiben. Wobei ich schon gerne chronologisch vorgehe. Die besten Ideen kommen mir dann aber beim Schreibprozess selbst. Ich schreibe los, hangle mich an einer Idee entlang und meistens kommt beim Schreiben vieles anders als gedacht. Ich mache mir keine Gedanken über eine bestimmte Wortanzahl oder Seitenanzahl, die ich erreichen möchte. Das wäre mir viel zu viel Druck. An manchen Tagen läuft es gut, an manchen weniger, manchmal komme ich zwei Wochen gar nicht zum Schreiben und muss mich erst einmal neu einfühlen. Mir ist es wichtig, Spaß am Schreiben zu haben und ich höre immer dann auf, wenn ich eine Idee habe, wie ich das Kapitel weiterschreiben könnte, damit ich am nächsten Tag gleich einsteigen und im Fluss bleiben kann. Kurzum: Meine Planung ist ein dynamischer Prozess und keine in Stein gemeißelte Checkliste.

4) Überarbeiten ist ja oft der unangenehme Teil für Autoren. Wie oft hast du dein Buch überarbeitet vor der Veröffentlichung?

Das Überarbeiten ist ein Albtraum! Der erste Durchgang mit meiner großartigen Lektorin ist noch spannend, weil ich es mag, wenn ich die Geschichte durch Hinzufügen neuer Kapitel oder Dialoge besser und runder machen kann. Wenn es aber um die Suche nach Widersprüchen, Logiklücken oder sonstigen inhaltlichen Unstimmigkeiten geht, wird es quälend. Irgendwann kenne ich jedes Wort auswendig und muss den Text doch immer wieder aufs Neue durchkauen. Und zum krönenden Abschluss kommt ja noch das Korrektorat, bei dem jedes Komma und jeder Buchstabe unter die Lupe genommen werden. Dabei arbeiten meine Lektorin und ich Hand in Hand. Ohne sie würde ich wahnsinnig werden. Also inhaltlich überarbeitet habe ich das Buch dreimal, korrekturgelesen einmal vorwärts und einmal rückwärts.

5) Wieso hast du dich fürs Selfpublishing entschieden?

Ich habe bereits ein Sachbuch über einen Verlag veröffentlich, der allerdings das etwas diffuse Genre meines Romans nicht bedient. Da ich nun schon alle Bewerbungsrunden und Warteschleifen über Agentur und Verlag kannte, wollte ich bei meinem Roman nicht schon wieder so viel Zeit ins Land gehen lassen. Außerdem reizte es mich, mal über den Tellerrand zu schauen und Entscheidungen wie die zur Covergestaltung, zum Buchsatz oder zur Vermarktung selbst treffen zu können. Für mich ist das alles Neuland und spannend. Nicht jede Aufgabe daran gefällt mir und nicht alles geht mir leicht von der Hand, aber ich habe schon ungemein viel gelernt und eine neue Perspektive dazu gewonnen. Gegen einen attraktiven Verlagsvertrag habe ich dennoch in der Zukunft nichts einzuwenden, weil ich dann einfach mehr Zeit zum Schreiben habe.

6) Wie bist du auf die Idee zu „Wie geht denn nun glücklich“ gekommen?

Ich bin Mutter von drei Kindern und kenne jede Menge Höhen und Tiefen des Mutterseins. Irgendwann war ich genervt von Begegnungen mit anderen Müttern, die nur Positives von ihrem Sprössling zu berichten hatten, es gab offenbar keine Probleme, keine Konflikte, nur ungetrübtes Glück. Mir war zwar klar, dass sie nur eine Fassade zur Schau trugen, aber ich fühlte mich trotzdem mit meinen Sorgen und meinem Ärger alleingelassen, weil ich niemanden zum Reden hatte. Mir fehlte ein ehrlicher, offener Austausch, um Erkenntnisse zu gewinnen und gemeinsam Lösungen zu finden. Eines Tages reichte es mir und ich wandte bei einer befreundeten Mutter eine Finte an, indem ich sagte: „Das freut mich für dich, dass du es so leicht hast!“ Das konnte die Mutter nicht auf sich sitzen lassen und begann nun doch zu klagen und von Problemen zu erzählen. Aha! dachte ich. Seitdem habe ich mit vielen Müttern ganz aufrichtige Gespräche führen können und gemerkt, dass wir alle so vieles gemeinsam haben, es nur nicht wissen, weil niemand darüber spricht. Eine Mutter hat in unserer Gesellschaft immer noch glücklich zu sein, allein weil sie Mutter ist. Ich meine aber, wir sind alle überlastet und dürfen das auch sagen. Wir müssen das sogar sagen, wenn wir wollen, dass sich etwas ändert. Das gilt genau so für die Väter, die in meinem Umfeld allerdings von vornherein ehrlicher mit dem Thema umgehen als die Mütter. Wir füllen so viele Rollen gleichzeitig aus, dass es einfach zu viel wird. In meinem Buch spreche ich solche Themen an, damit sich immer mehr Eltern trauen, offen zu ihren Bedürfnissen zu stehen.

7) Welche eigenen Erfahrungen von Schwangerschaft und Mutter-sein hast du in dein Buch einfließen lassen?

In meiner Geschichte blitzen immer mal wieder Anekdoten auf, die ich selbst erlebt habe, z.B. die Episoden mit der Frauenärztin. Nur bin ich meiner Hauptfigur Linda überhaupt nicht ähnlich. Ich habe stattdessen mit der Ärztin gestritten und diskutiert. Meine drei Kinder habe ich allesamt im Geburtshaus zur Welt gebracht. Eine wunderbare Entscheidung! Im ersten Babyjahr war ich eher die zur Perfektion neigende Glucke, die vermeintlich alles im Blick und Griff hatte. Das Dauerstillen habe ich selbst erlebt, das extreme Fremdeln meiner Tochter. Es gibt schon einige situative Parallelen, aber meine Figuren sind andere Charaktere als ich oder meine Familie und handeln somit auch anders als wir es tun würden.

8) Gibt es etwas in deinem Buch, was du besonders gerne geschrieben hast? Einen Charakter, eine Szene etc.?

Ich mag Gisela, den Schwiegertiger! Diese Figur bringt mich selbst zum Lachen, obwohl ich sie erfunden habe. Ich mag auch Lindas Mutter, sie stellt den Gegenpart zu Gisela da. Diesen Kontrast, diese unterschiedlichen Weltbilder zu beschreiben, macht mir Spaß. Beim Schreiben dachte ich manchmal, jetzt ist es mal wieder an der Zeit, dass Gisela dazwischenkracht. Die alte Dame schafft schon durch ihr Erscheinen Konflikte. Ich hatte aber auch Freude an dem Kapitel zum Geburtsvorbereitungskurs oder an etwas bedrückenden Szenen wie Holgers erstem Abend mit seinen Freunden nach der Geburt oder späteren Streitszenen mit Linda. Da konnte ich die Dinge beim Namen nennen und das tut gut.

9) Wie geht denn glücklich sein für dich persönlich?

Glücklichsein ist für mich in erster Linie eine Momentaufnahme. Ich konzentriere mich im Alltag bewusst auf schöne Dinge oder Situationen und seien sie noch so klein. Das können Farben, Gerüche, Geräusche, ein Lächeln, eine schnurrende Katze oder ein schokoverschmiertes Kindermäulchen sein. Diese Momente setzen positive Energien bei mir frei und dann bin ich glücklich. Langfristiges Glücklichsein ist eine Entscheidung. Egal in welcher Lebenssituation man steckt: Mit einer positiven Einstellung zum Ist-Zustand kann man sehr glücklich sein. Dazu gehören auch negative Gefühle wie Wut, Trauer, Sorgen. Doch wenn man auch diesen Gefühlen zustimmt und überzeugt davon ist, dass sie zum Glücklichsein dazugehören, dann macht man sich innerlich frei und kann das Dasein ganz anders betrachten. Daran arbeite ich noch…

10) Hast du einen Ratschlag für AutorInnen, die gerade erst ihre Reise beginnen?

Bleibt dran und gebt nicht auf! Als Schreiberling braucht man einen langen Atem und auch ein dickes Fell. Es gibt beim Schreibprozess immer wieder Rückschläge, sei es weil die Motivation plötzlich fehlt oder weil das letzte Kapitel, an dem man tagelang gesessen hat, doch irgendwie doof ist. Nach der Veröffentlichung kommen vielleicht schlechte Rezensionen oder es will nicht vorangehen mit dem Verkauf. Oder man wartet monatelang auf Antworten von Verlagen. Es gibt viele Hindernisse, aber es lohnt sich, an sich selbst und den Erfolg zu glauben. Mir fällt es immer leichter in kleinen Schritten bis zum Ziel zu denken. Für jeden, der beginnt, ein Buch zu schreiben, ist es schon ein Riesenerfolg, die Geschichte überhaupt zu einem Ende zu bringen. Der nächste Schritt ist, das Buch zu überarbeiten und es noch besser zu machen. Dann kommen hundert weitere Schritte bis zum Druck, aber das Buch schließlich in der Hand zu halten ist toll! Deine Leistung ist nun greifbar! Also, liebe Autorenneulinge: Habt Geduld, macht Euch nicht zu viel Druck und vor allem habt Spaß am Schreiben!

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1 Kommentar

  1. […] Vorfeld habe ich auch ein Interview mit der Autorin geführt. Dieses kann hier gelesen […]

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